31.000

31.000 Euro: So hoch waren die durchschnittlichen Schulden der Menschen, die 2021 deutsche Schuldner­beratungsstellen aufsuchten. Wie rutscht man in die Schuldenfalle – und wie schafft man es wieder heraus? Ein Gespräch mit Schuldnerberaterin Bärbel Sterlinski.

Sylvia Rizvi
Lesedauer: 2 Minuten

Knapp bei Kasse sind fast alle mal. Aber wer gilt als überschuldet?

Bärbel Sterlinski Menschen sind überschuldet, wenn sie ihre Miete, Rechnungen und Kredite dauerhaft nicht mehr bezahlen können. Fast 1.000 Betroffene haben bei uns 2021 Hilfe gesucht, rund 575.000 Menschen waren es bundesweit. Unter ihnen sind Überschuldete, aber auch Frauen und Männer, die sich vor Überschuldung schützen möchten oder sehr eng wirtschaften müssen.

Was sind häufige Ursachen von finanzieller Not?

Das können Krankheit, Trennung, Scheidung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine gescheiterte Selbstständigkeit sein. Bei uns saßen auch Väter, die Unterhaltsforderungen für die Kinder nicht bezahlen konnten. Zudem kann die Geburt eines Kindes Eltern finanziell überfordern. Wir sehen Seniorinnen und Senioren, die von ihrer Rente noch Kredite tilgen müssen. Auch Menschen, die während der Pandemie in Kurzarbeit waren, haben bei uns Rat gesucht, etwa aus der Gastronomie. Dort sind die Löhne gering, und wenn dann auch noch das Trinkgeld wegfällt, kommt man schnell in Geldnot. Wir rechnen wegen der hohen Energiepreise bald mit noch mehr Zulauf.

Gibt es auch typische Fehler, die sich wiederholen?

Die einen verlieren den Überblick, etwa über ihre vielen Bestellungen oder Telefonverträge. Die anderen verdrängen das Problem. Oder beides. Ein junger Mann zum Beispiel hatte hohe Schulden bei einer Fluggesellschaft, weil er jedes Wochenende seine Freundin im Ausland besuchte.

Oftmals verschulden sich auch junge Frauen aus Liebe. Sie unterschreiben etwa für ihren Freund Ratenverträge für einen neuen Laptop oder er nutzt ihre Kreditkarte. Ein viel gehörter Satz bei uns ist: „Ich dachte, es wird schon irgendwie gehen.“

Im Schnitt liegen die Schulden bei 31.000 Euro. Begegnen Ihnen auch Extremfälle?

Bei Selbstständigen ist die Summe oft deutlich höher. Einmal saß bei mir ein Schuldenmillionär. Er hatte sich bei Investitionsgeschäften im Osten verspekuliert.

Sind bestimmte Personengruppen besonders betroffen?

Frauen und Männer halten sich fast die Waage. Die meisten sind zwischen 39 und 50 Jahre alt. Mehr als die Hälfte unserer Ratsuchenden haben keinen Berufsabschluss und üben eher gering qualifizierte Niedriglohntätigkeiten aus. Aber auch Akademikerinnen und Akademiker suchen bei uns Hilfe.

Bärbel Sterlinski ist seit mehr als 20 Jahren Schuldner- und Insolvenzberaterin bei der Zentralen Schuldnerberatung Stuttgart (ZSB). Sie betreut derzeit 70 Überschuldete. Besonders nah geht ihr, wenn Menschen wegen einer schweren Krankheit in Not geraten oder aus Gutmütigkeit für andere Schulden aufnehmen – und darauf sitzen bleiben. Die ZSB bietet kostenlos telefonische Erstberatung für alle Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger an und wird von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva), der Caritas Stuttgart und PräventSozial getragen.

Wie finden Menschen einen Weg aus der Misere?

Ein Leitsatz fürs ganze Leben: Löse deine Probleme, solange sie klein sind! Ein Beispiel: Wer eine Rechnung von 35 Euro ignoriert, muss nach den entsprechenden Mahnungen die Inkassofirma bezahlen, die Forderungen eintreibt. Hinzu kommen Verzugszinsen, Kosten für den Mahnbescheid und den Vollstreckungsbescheid – und aus 35 Euro werden so 280 Euro. Wichtig ist also, dass sich Menschen ihren Schulden stellen, ihre Briefe lesen und reagieren. Wer sich überfordert fühlt, findet bei Schuldnerberatungsstellen Unterstützung. Nach der Beratung sind viele erleichtert und sagen: „Ich hab seit Langem wieder gut geschlafen.“

Wie können Sie konkret helfen?

Sobald ein Schuldenbereinigungsverfahren anläuft und wir die Vollmacht vom Schuldner haben, nehmen wir Kontakt zu den Gläubigern auf. Wir prüfen alle Forderungen und stellen eine Gesamtübersicht auf. Manche kommen mit einem Einkaufstrolley voller Papiere, die müssen wir erst mal sortieren. Wir suchen gemeinsam eine Lösung, etwa außergerichtlich durch Einmal- oder Ratenzahlungsangebote oder gerichtlich durch einen Schuldenbereinigungsplan oder ein Privatinsolvenzverfahren, bei dem Überschuldete nach drei Jahren von ihrer Restschuld befreit sind. Diese Menschen können wieder durchatmen und eine neue Perspektive finden.