Wenn wir mal eben, schreibt der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seiner Kurzen Geschichte der Menschheit, zwei Millionen Jahre zurückreisten und durch Ostafrika spazierten, könnten wir auf Grüppchen von Menschen treffen, die äußerlich gewisse Ähnlichkeiten mit uns haben, ungefähr zwischen Schimpanse und Homo faber. Eine trägt ein Baby am Leib, zwei kloppen sich und einer bearbeitet einen Stein. Er soll Kanten kriegen, damit man damit Mark aus den Knochen von Tieren schaben kann, vielleicht sogar Fleisch zerteilen. Aus diesem Steinwerkzeug, dem „Chopper“, entstehen allmählich auch Faustkeile und Feuersteine. In der Steinzeit, um 400.000 v. Chr., können unsere Vorfahren damit: Essen zubereiten, Bekleidung fertigen, Behausungen, Geräte und Maschinen bauen, Feinde abwehren und Kunst schaffen, zum Beispiel Schmuck, Höhlenmalereien und Musikinstrumente. Es ist ein großer Schritt in der Evolution, denn der Mensch beginnt, seine Hände wie Werkzeuge zu nutzen. Um Werkzeuge herzustellen. Und Werke. Der Mensch wird zum Handwerker. Die zunehmende Geschicklichkeit der Hand beginnt auch sein Hirn zu mobilisieren, sodass Denken und Sprache entstehen. „Das Gehirn hat sich im Laufe der menschlichen Evolution dank unserer Fähigkeit, komplexe Werkzeuge zu benutzen, verändert“, sagt Simon Thibault, Neurowissenschaftler am Moss Rehabilitation Research Institute (MRRI) in Pennsylvania, USA. „Weil wir komplexere Werkzeuge benutzt haben, hat sich dann vielleicht die neue neuronale Basis für neue kognitive Funktionen entwickelt – darunter die Sprache.“ Ohne den Handwerker, sagt daher der Soziologe Richard Sennett, würde es den modernen Menschen nicht geben. Denn ein Mensch ist ein Mensch, weil er mit Hand, Hirn und Herz Dinge macht, herstellt, kultiviert und repariert.
Die Hand
Die menschliche Hand ist ein Wunder der Natur. 27 Knochen befinden sich in ihr, 33 Muskeln umgeben sie, drei große Nerven und Millionen von Rezeptoren, deren
Signale einem Menschen helfen, sich auch blind durch die Welt tasten und fühlen zu können. Was die Hand des Menschen von der des Schimpansen unterscheidet, ist die Beweglichkeit der Daumen. Nach der USAnthropologin Mary Marzke, Expertin in der Erforschung der menschlichen Hand, (be-)greifen wir Dinge auf drei wesentliche Arten: Wir können kleine Gegenstände zwischen Daumen und Zeigefinger einklemmen, Pinzetten zum Beispiel. Wir können Gegenstände in den Handflächen halten und sie durch Schieben und Massieren zwischen Daumen und Fingern bewegen, Vanillehörnchen zum Beispiel oder die
Haut von Patientinnen und Patienten. Und wir können einen größeren Gegenstand, etwa einen Klumpen Lehm, in der hohlen Hand halten – und ihn dadurch betrachten, über ihn reflektieren und ihn mit der anderen Hand bearbeiten. Und in dem Augenblick, schlussfolgert Marzke, in dem der Mensch Dinge festhalten kann, um sie zu bearbeiten, wird aus Natur Kultur. Hand und Hirn entwickeln sich zusammen, evolutionär wie biologisch. Menschliche Kultur entsteht mit fühlenden, fragenden und erfahrenen Händen. Dafür braucht es Material, also Rohstoffe. Sehr lange waren das vor allem Steine und Holz. Dazu Knochen, Rinden oder Bast für Nadeln, Körbe oder Speere, Fell und Leder für die Kleidung. So konnte der Mensch in der Jungsteinzeit Löcher in Steine bohren für Schäfte, die wiederum Axt und Beil hielten, die man brauchte, um Holz zu schlagen und Häuser zu bauen. Später wurde der Mensch sesshaft und fing an, Acker, Feld und Wald zu kultivieren.
In größeren Siedlungsgebieten begannen die Menschen, Aufgaben zu verteilen und dadurch spezielle Fertigkeiten zu entwickeln. Männer kümmerten sich eher um Land und Jagd, Frauen eher um Kinder, Heim und Kleidung. Mit kleinen Bohrern fertigten sie aus Kalk Perlen, nahmen operative Eingriffe vor und öffneten sogar Schädeldecken. Aus Ton wurden Töpfe, für die umherziehende Nomaden kaum Bedarf gehabt hätten. Nun ließen sich die Früchte des Feldes darin aufbewahren und man konnte Handel mit ihnen treiben. Am besten auf von Wagnern gebauten Kutschen und Karren, als das Rad etwa 3.000 v. Chr. erfunden war.
Kupfer, Bronze, Eisen und Gold wurden die neuen Stoffe, mit denen Schmiedehandwerker Gefäße, Waffen, Schmuck und Münzen herstellten. Es entstanden die ersten Städte und damit gingen eine enorme Bautätigkeit, Handel und die Ausdifferenzierung der Handwerkstätigkeiten einher. Bürger und Adel ließen sich in Athen oder
Pompeji von Handwerkern Häuser bauen, Paläste, Tempel und öffentliche Bäder, deren Wände bemalt, deren Einrichtungen gepflegt und deren Gärten gehegt wurden. Es entstanden Bäckereien, Walkereien, Töpfereien, Schiffswerften, Schreibstuben. Und der Handwerkskunst der Schrift mächtige Menschen wie Homer besangen Handwerker wie Odysseus, den seine Frau Penelope nach 20 Jahren Reise daran wiedererkannt haben soll, dass er ihr sagen konnte, wie er ihr Ehebett gezimmert hatte. Und als die Ausgaben für den Bau der Akropolis in die Höhe schossen, verteidigte sie der Staatsmann Perikles mit dem Nutzen für die Bevölkerung: „So wird es Arbeit in Fülle geben, die mannigfachen Bedürfnisse werden jedes Handwerk beleben, jeder Hand Beschäftigung bringen, fast die ganze Stadt wird ihren Verdienst finden.“
Warum wir so lang in Steinzeit und Antike verweilen? Weil mitunter der Eindruck entsteht, das Handwerk sei im Mittelalter entstanden. Das liegt vermutlich daran, dass es sich da vor allem streng geordnet hat, in den Zünften. Das Handwerk reicht aber als Rückgrat tief in die Geschichte des Menschen. Denn damit er seine Hände benutzen kann, musste er aufrecht gehen lernen – und umgekehrt: Für einen aufrechten, selbstwirksamen und würdevollen Gang braucht es das Bewusstsein, dass das Tagwerk, das ich tue, der Beruf, den ich ausübe, die Arbeit, die ich mache, eine gute ist. Und das heißt, wie der US-Soziologe Sennett in seinem Buch Handwerk schreibt: geleistet mit Hingabe, Können und Köpfchen.