Reportage
Wasser Marsch!

In Baden-Württemberg wollen immer mehr Kinder und Jugendliche zur Freiwilligen Feuerwehr. Auch in Freudenstadt gibt es keine Nachwuchssorgen. Dort kann man erleben, was den Reiz für die jungen Brandhüter ausmacht.

Nora Chin
Lesedauer: 4,5 Minuten

Wasserort Freudenstadt
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Ein imposanter Wasserstrahl schießt in die Höhe und fliegt in hohem Bogen über den kleinen Waldsee. Ein paar Meter weiter kommt noch ein Wasserstrahl dazu, und dann noch einer, bis sich der Kreis am anderen Seeufer buchstäblich schließt. Kräftiges Pumpenbollern und lautes Geplätscher begleiten die Wassermassen, die auf die spiegelglatte Oberfläche des idyllisch gelegenen Langenbrunnenweihers einprasseln. Ein kühler Sprühnebel erfüllt die Waldluft und wer sich zu nah am Geschehen aufhält, ist binnen weniger Augenblicke nass. Aus sicherer Entfernung beobachten einige Passantinnen und Passanten neugierig das Spektakel. Sie sind an diesem lauen Septemberabend Zeugen einer besonderen Übungsmission.

 

Für die Jugendabteilungen der Freiwilligen Feuerwehren Freudenstadt, Grüntal und Wittlensweiler steht heute die „Wasserentnahme offenes Gewässer“ auf dem Plan, wie es im Fachjargon heißt. Will heißen: Die 28 Mädchen und Jungen, die sich am Langenbrunnenweiher eingefunden haben, proben gemeinsam, wie sie Löschwasser gewinnen können, wenn in der Nähe kein Hydrant zur Verfügung steht. Angeleitet werden die Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen neun und 16 Jahren von Jugendwart Sebastian Hillebrecht und acht seiner Kameraden.

 

Es ist die erste Übung für die Nachwuchsfeuerwehr nach den Sommerferien. Hier und da ist anfänglich etwas Verunsicherung zu vernehmen: Wie werden die Schläuche noch mal richtig gekoppelt? Und wie geht das wieder mit dem Knotenlegen? „Das ist wie Fahrradfahren, man verlernt nichts“, versucht der 40-jährige Hillebrecht, von allen „Hille“ genannt, die Aufregung zu beruhigen. Ohnehin bleibt jetzt keine Zeit zum Grübeln. Die Heranwachsenden werden in drei Gruppen eingeteilt, jede angeleitet von einem erfahrenen Feuerwehrmann.

Junge Feuerwehrfrauen aus Überzeugung: Annika Dölker (links) und Jule Saur begeistert vor allem der große Zusammenhalt unter den Kameradinnen und Kameraden.

Realistischer Löschangriff

 

Die Gruppenführer öffnen die Aluminiumrollläden an den Seiten der drei Löschfahrzeuge, die sich um den Weiher positioniert haben. Dahinter verbergen sich allerhand Gerätschaften. Für einen Laien ein Gewirr aus Material, die jungen Feuerwehrmänner und -frauen wissen jedoch auf Anhieb, was benötigt wird: Mit Helm, Sicherheitsschuhen und blau-orangener Uniform ausgestattet, wuchten sie aus dem Fahrzeug zügig drei schwere schwarze Schläuche, die sie miteinander verbinden. Das Ende dieser Saugschlauchleitung wird mit einem Schutzkorb versehen, der aussieht wie ein großes Nudelsieb. Er soll verhindern, dass Fische, Schlamm oder Pflanzen eingesaugt werden und die Leitung verstopfen.

 

Dann sichern die Trupps die Saugschlauchleitung noch mit einer Halteleine, damit der Schlauch nicht im Weiher verloren geht und wieder herausgezogen werden kann. Eine Seite der Leitung koppeln die Feuerwehrleute mit der Fahrzeugpumpe, die andere Seite hängt im Wasser. Damit möglichst viele Kinder gleichzeitig üben können, werden über einen Verteiler mehrere dünnere Schläuche angeschlossen. Jetzt noch die Pumpe anwerfen – und dann heißt es: Wasser marsch!

 

Die zuvor platten Schläuche, die auf dem Waldboden ausgerollt wurden, füllen sich blitzschnell mit Wasser, ploppen zu dicken festen Leitungen auf – und die jungen Feuerwehrleute beginnen zu löschen, was das Zeug hält. Sie stehen konzentriert am Ufer und halten mal aufs Wasser, mal in den Wald. Man sieht ihnen die Anstrengung an, denn der Wasserdruck ist hoch. Mehr als vier Bar, wie ein Blick auf die Anzeige der Pumpe verrät. Deshalb halten immer mindestens zwei der jungen Brandhüter zusammen einen Schlauch. Selbst bei den Erwachsenen in der Einsatzabteilung, erzählt Hillebrecht, sei man dafür immer zu zweit. 

 

Hillebrecht ist seit 20 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Er ist eines von 65 Mitgliedern der Feuerwehrabteilung Freudenstadt. 184-mal rückten die Männer und Frauen im vergangenen Jahr aus. Wohnungsbrände seien zurückgegangen, berichtet Hillebrecht. Dafür haben es die Brandschützer vermehrt mit Sturmschäden zu tun und wegen der zunehmenden Trockenheit, einer Folge des Klimawandels, auch mit Flächen- und Vegetationsbränden. Dass Feuerwehrleute Wasser aus einem Teich entnehmen, um damit beispielsweise einen Waldbrand zu löschen – wie es die Jugend an diesem Freitagabend am Langenbrunnenweiher probt – ist also ein realistisches Szenario.

 

Wegen des lauten Pumpengeräuschs und der laufenden Motoren der Löschfahrzeuge kann man während der Übung so gut wie nichts verstehen. Aber das ist kein Problem: Die Kinder und Jugendlichen lernen früh die theoretischen Grundlagen der Feuerwehrarbeit. So wissen alle, was zu tun ist – auch ohne viele Worte. Und wenn doch mal kommuniziert wird, dann geht das eben nur mit lauter Stimme. „Ich hatte hier schon Kinder, die zu Beginn sehr zurückhaltend waren und im Laufe der Zeit richtig selbstbewusst geworden sind“, erzählt Hillebrecht, der die Jugendabteilung seit 2011 ehrenamtlich leitet.

 

30 Nachwuchskräfte stehen auf der Kontaktliste des Jugendwarts, darunter neun Mädchen. Nachwuchsprobleme gibt es in Freudenstadt nicht – im Gegenteil: „Bei uns gibt es gerade sogar einen Aufnahmestopp, weil wir zuletzt so viele Neuaufnahmen hatten“, sagt Hillebrecht. Damit liegen die Freudenstädter im Trend: Nach Jahren mit Nachwuchssorgen verzeichnen die Freiwilligen Feuerwehren in Baden-Württemberg wieder Zuwachs bei der Jugendarbeit. Aktuell gibt es landesweit mehr als 35.000 junge Mitglieder, das ist ein Plus von 13,5 Prozent im Vergleich zum Jahr 2018. Die Jugendabteilungen tun viel dafür, Nachwuchs zu werben, unter anderem veranstalten sie regelmäßig Tage der offenen Tür. Auch das Land Baden-Württemberg will mit einer 2021 gestarteten Kampagne Kinder für das Ehrenamt im Bevölkerungsschutz begeistern.

 

Für Hillebrecht stellt sich daher eher die Frage, wie viele seiner Schützlinge mit der Volljährigkeit wirklich in die Einsatzabteilung wechseln. „Viele werden für das Studium oder die Ausbildung wegziehen“, befürchtet der Jugendwart.

 

Jo-Ann Matt, 12, ist fest entschlossen, später auch bei den Großen mitzumischen und dafür die Grundausbildung für den aktiven Feuerwehrdienst zu absolvieren. Die Schülerin weicht während der Übung kaum einen Schritt vom Schlauch und erzählt: „Ich fand die Feuerwehr schon immer interessant, weil sie Menschenleben rettet. Und als ein Freund mir erzählt hat, wie toll die Übungen sind, habe ich sie mir mal angeschaut und war sofort begeistert.“ Jo-Ann gefällt vor allem, wie vielfältig die Aufgaben sind.

Bevor es losgeht, gibt es eine Einsatzbesprechung. Seit 2011 leitet Sebastian Hillebrecht die Jugendabteilung – ein Ehrenamt, das viel Arbeit mit sich bringt, das aber auch viel Freude bereitet.

Geordneter Spaß

 

Besonders groß ist die Freude immer dann, wenn ein Löschangriff geprobt wird – so wie an diesem Abend. „Übungen mit Wasser machen echt Spaß“, sagt Erik Munk, 10. Einen Ausflug an offenes Gewässer gibt es bei der Jugendfeuerwehr jedoch nicht alle Tage. „Wir machen das etwa zweimal im Jahr“, erzählt Sebastian Hillebrecht. Meist sei das im Sommer, wenn es schön warm ist. In den kühleren Jahreszeiten finden Übungen auf dem Hof der Wache oder in der Fahrzeughalle statt. „Wir versuchen, die Grundlagen auf spielerische Weise zu vermitteln“, sagt Hillebrecht. „Daher lassen wir uns immer etwas Neues einfallen.“ Die Kinder und Jugendlichen wissen im Vorfeld nie, was sie erwartet, das erfahren sie erst vor Ort.

 

Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas darf der Spaß nicht zu kurz kommen – und den haben die Mädchen und Jungen bei der Löschübung definitiv. Nach einer Weile werden die Wasserstrahlen nicht mehr nur auf die fiktiven Brandherde gerichtet, sondern auch auf die Kameradinnen und Kameraden. Schnell entspinnt sich eine richtige Wasserschlacht. Kaum eine Uniform bleibt dabei trocken. „Das gehört auch dazu und passiert öfter mal“, sagt Jugendwart Hillebrecht und lacht.

 

Jedes Vergnügen findet irgendwann ein Ende. Zum Schluss geht es ans Aufräumen. Und auch das funktioniert reibungslos, alle packen mit an. „Ich finde die Gemeinschaft hier richtig toll“, sagt Annika Dölker, 13, die schon seit vier Jahren bei der Jugendfeuerwehr ist. Das kann auch ihre Kameradin, die gleichaltrige Jule Saur, bestätigen: „Wir helfen und unterstützen uns immer gegenseitig, das ist echt super.“

 

Es dämmert schon längst, als die Kinder und Jugendlichen wieder ihre Plätze in den 16 Tonnen schweren Löschfahrzeugen einnehmen. Auf der holprigen Rückfahrt über die schmale Schotterpiste, die durch den dunklen Wald führt, unterhalten sie sich angeregt über die Übung. Bevor es zurück auf die Wache der Freiwilligen Feuerwehr Freudenstadt geht, wird noch ein kurzer Stopp an einer Tankstelle eingelegt. „Das Fahrzeug muss nach jedem Einsatz vollgetankt zurückgebracht werden“, erklärt der 25-jährige Sven-Erik Jürgens, der am Lenkrad sitzt und die Übung mit unterstützt.  

 

Bei der Feuerwehr hat alles seine Ordnung, damit es im Einsatzfall schnell geht. Die Kinder und Jugendlichen lernen deshalb früh, Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört, sich nach der Übung um alle Gerätschaften zu kümmern, die zum Einsatz gekommen sind. Angekommen auf der Wache, ist der Abend also noch nicht ganz vorbei. Jetzt werden die Schläuche zum Trocknen aufgehängt und alle Materialien gecheckt – denn die nächste Löschübung kommt bestimmt.

Jo-Ann Matt trägt ihre Feuerwehruniform mit Stolz.
Auch Erik Munk liebt es, ein Feuerwehrmann zu sein.