Seit Jahrhunderten ranken sich Mythen um das Moor. Es dient als Kulisse von
Schauermärchen, als verwunschener Ort, bedrohlich und tödlich für jene, die sich darin verirren. Renate Fischer, stellvertretende Leiterin des Infozentrums Kaltenbronn, kennt die Legenden: „Gibt es hier Moorleichen? Diese Frage kommt bei Führungen einfach immer.“ Doch komplett versinken können menschliche Körper nicht, denn der Moorschlamm mit seiner höheren Dichte drückt sie immer wieder nach oben. Die Geografin und Naturpädagogin Fischer kennt jedes Pflänzchen, das am Kaltenbronner Hochmoor wächst. Über hölzerne Blockbohlenstege wandert sie zu jeder Jahreszeit durch die Idylle. Für die Expertin ist das Moor alles andere als bedrohlich – es ist vielmehr selbst bedroht: „Zu lange hat der Mensch aus den Augen verloren, was für eine wichtige Rolle Moore spielen. Als Ökosystem, für den Wasserhaushalt, als Kohlenstoffspeicher und als Lebensraum für hochspezialisierte Tiere und Pflanzen.“
Das Hochmoor Kaltenbronn liegt in den Landkreisen Rastatt und Calw inmitten eines riesigen Waldgebietes auf über 900 Meter Höhe. Knapp 400 Hektar sind als Naturschutzgebiet ausgewiesen, aufgeteilt in zwei Bereiche: Wildseemoor und Hohlohsee. Jährlich kommen rund 300.000 Besucherinnen und Besucher, um die urwüchsige Landschaft mit dem Großen und Kleinen Hohlohsee, dem Wild- und dem Hornsee zu erleben. Entstanden ist das Moor nach der letzten Eiszeit, vor 11.000 Jahren. Nach dem Abtauen des Eispanzers sammelte sich Schmelz- und Regenwasser in den Mulden der Hochfläche. Wasserundurchlässige Tonschichten hinderten es am Versickern. Auf den Flächen entwickelten sich Torfmoose, Wollgräser und später Torf.
Bis zu acht Meter tief sind die Torfschichten der beiden Hochmoore heute, sie haben sich aus abgestorbenen Pflanzenresten gebildet. Der Torf und der Schlamm sind so komprimiert, dass darin alles luftdicht abgeschlossen wird. Das macht aus Mooren wie dem Kaltenbronn jahrtausendealte Speicher. Rund 30 Prozent des erdgebundenen Kohlenstoffs lagern sie ein: mehr als doppelt so viel wie alle Wälder und Regenwälder der Erde und mehr, als jedes andere Ökosystem zu leisten vermag. Und das, obwohl nur drei Prozent der Erdoberfläche mit Mooren bedeckt sind. Moore können aber nur dann gigantische Mengen CO2 speichern, wenn sie intakt sind: nass und naturnah.