Herr Trippe, Sie arbeiten am Steinbeis-Innovationszentrum an einer Machbarkeitsstudie zur Verwendung von grünem Wasserstoff im Main-Tauber-Kreis. Was bedeutet „grün“ in diesem Zusammenhang?
Grün bedeutet, dass das farb- und geruchlose Gas mit Strom aus Sonnen- oder Windenergie hergestellt wird. Es gelangt also beim Herstellungsprozess kein CO2 in die Atmosphäre. Wird dabei Strom aus Gas- oder Kohlekraftwerken verwendet, spricht man hingegen von grauem Wasserstoff – einem fossilen und damit klimaschädlichen Energieträger.
Warum eignet sich der Main-Tauber-Kreis als Modellregion für grünen Wasserstoff?
Schon heute zählt der Kreis zu den süddeutschen Spitzenreitern bei Windkraft und Photovoltaik, er ist einer der größten Flächenlandkreise in Baden-Württemberg. Gleichzeitig haben wir hier viele Industrieunternehmen, die nur schwer vom Erdgas wegkommen und grünen Wasserstoff als Energieträger einsetzen wollen. Es gibt bestimmte chemische Prozesse in der Industrie, die nicht oder nur schwer elektrifizierbar sind und bei denen grüner Wasserstoff zum Einsatz kommen könnte. Zum Beispiel beim Produktionsprozess von Düngemitteln oder bei der Stahlherstellung. Außerdem haben wir im Kreis ein Problem, das überall in Deutschland besteht: Die Stromnetze sind noch nicht für die künftig stark steigende Menge an erneuerbarer Energie ausgelegt.
Inwiefern?
Vereinfacht gesagt muss immer so viel Strom ins Netz gegeben werden, wie entnommen wird, sonst verändert sich die Netzfrequenz. Elektrische Maschinen und Geräte würden dann nicht mehr funktionieren oder könnten gar beschädigt werden. Hier kommt nun das Potenzial des grünen Wasserstoffs ins Spiel: Letztlich kann er Energie in großen Mengen speichern und diese für Anwendungen außerhalb des Stromnetzes zur Verfügung stellen. So wird das Netz entlastet, mithilfe von sogenannten Elektrolyseanlagen.
Das müssen Sie erklären.
Bei der Wasserelektrolyse wird Wasser mithilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Der Wasserstoff wird dann mit einem Kompressor verdichtet. In diesem Zustand kann er erneuerbare Energie auf wenig Raum beliebig lang speichern, bis wir sie wieder benötigen. In unserer Machbarkeitsstudie geht es allerdings vor allem um die sogenannte Sektorkopplung: Wir beziehen Überschüsse aus dem Stromsektor aus erneuerbaren Energien, produzieren grünen Wasserstoff und beliefern damit den Industrie- und Mobilitätssektor. Außerdem entsteht bei der Elektrolyse das Abfallprodukt Wärme, das wir im Gebäudesektor zum Heizen verwenden können. Hierfür untersuchen wir drei Standorte für Elektrolyseanlagen, zwei in Wertheim und eine in Bad Mergentheim. Für eine größere Anlage braucht man ein Bauwerk in der Größenordnung von 500 bis 1.000 Quadratmetern.