Man sagt, es brauche Abstand, um Dinge klarer zu sehen. Und niemand hat so viel Abstand von den Dingen auf der Erde wie Menschen, die ins All fliegen. Astronautinnen und Astronauten lassen das irdische Leben hinter sich und blicken zurück auf die Erde. Dieser Blick, so scheint es, berührt Menschen aus allen Kulturen in gleicher Weise: Es klingt fast poetisch, wenn Raumfahrende berichten, wie zerbrechlich und schön unser Planet aussieht – und wie demütig dieser Anblick sie werden lässt. Der erste Mensch, der die Erde als Kugel sah, umgeben von der Schwärze des Weltalls, war der Fliegermajor Juri Gagarin. 1961 brachte der sowjetische Kosmonaut von seiner Reise das Bild vom blauen Planeten mit. Diesen Begriff nahm auch der aus Künzelsau stammende Astronaut Alexander Gerst auf, als er 2017 über seine erste Weltraummission sagte: „Ich dachte, der Weltraum sei ein besonderer Ort. (…) Aber der wirklich, wirklich besondere Ort darin, das ist unser einzigartiger blauer Heimatplanet.“
Ihr Blau erhält die Erde, wie sie heute ist, von ihren fünf Ozeanen. Arktischer, Atlantischer, Indischer, Pazifischer und Antarktischer Ozean bedecken zusammen mit ihren Nebenmeeren 71 Prozent der Erdoberfläche. Einzigartig macht unseren Planeten das Leben auf ihm – das einzige im Universum, von dem wir wissen. Und beides hängt miteinander zusammen: Ohne Wasser gäbe es kein Leben auf der Erde. Leben entstand vor Milliarden Jahren im Wasser, und alles Leben braucht bis heute Wasser. Lebewesen leben im, vom und mit dem Wasser; sie bestehen zum großen Teil aus Wasser. Ohne Wasser gibt es kein Wachstum, keine Bäche, Flüsse, Seen und Meere, keine Vielfalt an Flora und Fauna.
Aber wieso ist ausgerechnet die Erde so stark von Wasser geprägt, warum konnte genau hier so viel Leben entstehen? „Was kosmische Maßstäbe angeht, hat die Erde gar nicht so viel Wasser“, sagt Mario Trieloff. Als Professor für Geo- und Kosmochemie forscht er an der Universität Heidelberg zur Beschaffenheit von Asteroiden und zur Datierung von Meteoriteneinschlägen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Trieloff schildert die Entstehung der Erde, von Wasser und Leben so geduldig, verständlich und plastisch, dass er auch Laien in seinen Bann schlägt. Er erzählt vom Jupitermond Europa, unter dessen Eiskruste ein bis zu hundert Kilometer tiefer Ozean vermutet wird. Das ist fast zehnmal tiefer als die tiefste Stelle im Meer auf der Erde, der elf Kilometer tiefe Marianengraben im Pazifik. Der wesentlich kleinere Mond hat also deutlich mehr Wasser als die wesentlich größere Erde – vielleicht sogar zu viel. „Die Erde macht besonders, dass die für Leben notwendigen Elemente nicht nur vorkommen, sondern dass es sie auch im richtigen Maß gibt“, sagt Trieloff.