Eine Zweijährige sitzt auf dem Schoß ihres Vaters. Den beiden gegenüber stapelt eine Anthropologin Blechdosen aufeinander. Eine der Dosen fällt ihr vom Tisch. Ein Impuls zuckt durch die Zweijährige. Das Kind möchte vom Schoß runter und der Frau die Dose reichen, doch der Vater hält es zurück. Die Pupillen des kleinen Mädchens weiten sich vor Erregung. Erst als ein anderer Erwachsener dazukommt und der Frau die heruntergefallene Dose reicht, entspannt sich das Mädchen wieder. Kinder entwickeln erst ab etwa vier Jahren ein Gefühl für soziale Gruppen und moralische Werte. Doch durch Versuche wie diesen kam der Psychologe und Neurowissenschaftler Michael Tomasello mit seinem Team am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie zu einem erstaunlichen Ergebnis: Schon Zweijährige zeigten, dass sie reflexhaft helfen und teilen. Das lässt sich sogar für Säuglinge nachweisen. Jedes Kind wird als kooperatives Wesen geboren. Nur im Austausch mit anderen werden wir zum Menschen. Kein anderes Säugetier ist nach der Geburt so lange abhängig von anderen. Aber auch als Erwachsene lernen wir von anderen, erfahren Wertschätzung, Kritik und Zusammenhalt.
Wir sind durch und durch soziale Wesen – nicht aus Selbstlosigkeit, sondern weil Netzwerke uns Vorteile bringen. Ein gutes Miteinander dient langfristig dem Wohlstand aller. Eine Hand wäscht die andere. Dank der Spiegelneuronen in unserem Hirn sind wir zu Empathie in der Lage. Sobald wir uns mit anderen identifizieren, fühlen wir mit ihnen – ob Trauer, Schmerz oder Glück. Das ist der Grund, weshalb Lachen und Gähnen ansteckend sind. Es braucht nicht viel, um diesen Urinstinkt anzusprechen. Wenn Menschen sich offen begegnen und sich nicht als Gefahr wahrnehmen, sind sie bereit zu kooperieren.