Die Zeit drängt, der Hacker hat sein Versteck nur kurz verlassen. Wenn die Mädchen und Jungs dort die richtigen Passwörter und Schlüssel finden, Hinweise zusammenfügen und Rätsel lösen, können sie sein nächstes Opfer vor einem Shitstorm bewahren. Also los. Manche stürzen sich auf eine verschlossene Schatulle, andere versuchen ein Bilderrätsel zu knacken oder anhand von biografischen Angaben die Identität des Hacker-Opfers zu entschlüsseln.
Eine Dreiviertelstunde hat die elfte Klasse des Ludwigsburger Wirtschaftsgymnasiums Zeit, dem fiktiven Hacker spielerisch das Handwerk zu le-gen. Der Escape Room Hacker Attack ist Teil des demokratiebildenden Projekts Läuft bei Dir!, das die Baden-Württemberg Stiftung gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung ins Leben gerufen hat. Nach dem Spiel geht es ins Seminar und in die Diskussion: Sind Influencer wirklich die netten Typen, die selbstlos gute Tipps geben, oder ist das interessengesteuert? Wem kann man im Netz überhaupt glauben? Bin ich nicht längst nur noch von Leuten umgeben, die dasselbe denken wie ich? Und wo kommen die ganzen Hater her?
Und die wichtigste Frage: Was hat das überhaupt mit Politik zu tun? Seminarleiterin Manuela König hilft den Schülerinnen und Schülern auf die Sprünge. „In einer freien Gesellschaft entscheidet jeder mit, wie wir zusammenleben wollen“, sagt sie. Lucy-Ann (16) findet, es sei auch eine Frage der Entschlossenheit: „Wir haben schon eine Mitschuld, wenn wir Hate-Kommentare lesen, sie aber nicht melden.“ Klar sei es auch politisch, zu diskutieren, was verboten gehöre, was erlaubt bleiben sollte, sagen jetzt andere.
Investition in Demokratie
„Demokratie heißt, sich in seine eigenen Angelegenheiten einzumischen“, so hat es der Schriftsteller Max Frisch in seinen Tagebüchern formuliert.
Der Seminartag in Ludwigsburg war ein Erfolg, wenn diese Erkenntnis bei den Schülerinnen und Schülern hängen geblieben ist. Die Regeln und Strategien dafür möglichst früh zu erlernen, dafür gibt es Gemeinschaftskundeunterricht, deshalb investiert das Land über seine Landeszentrale jährlich 2,1 Millionen Euro in politische Bildung. Auch die Baden-Württemberg Stiftung fördert demokratiebildende Programme, für das Jahr 2024 bewilligte der Aufsichtsrat mehr als 4 Millionen Euro. Teilhabe aller, Streit um den richtigen Weg, sich engagieren, wählen gehen und auch mal ein Amt übernehmen: Dies schon bei Kindern und Jugendlichen zu verankern, darum geht es.
Denn Demokratie ist kein Selbstläufer. Anders als vielleicht noch in den 90er-Jahren vermutet, tritt sie nicht wie von selbst im Huckepack mit Wohlstand ihren Siegeszug um die Welt an. Im Jahr 2022 zählte der Transformationsindex der Bertelsmann-Stiftung erstmals seit 2004 wieder mehr Autokratien als Demokratien. Aber auch in demokratisch verfassten Ländern säen Populisten Zweifel an einem Staat, in dem Interessen ausgeglichen, Minderheiten geschützt und sich alle, auch Politiker, einem Rechtsstaat unterwerfen müssen. Wahlen, „Checks and Balances“, das ist ein aufwändiges System, Kompromisse müssen in zähen Verhanlungen erzielt werden, sie sind mit politischem Streit verbunden: Verordnungen und Regeln machen das Leben vielleicht sicherer, aber eben für den Einzelnen auch mühsam und bürokratisch. Sind autoritär geführte Staaten nicht einfach schneller und effizienter?
Die weltweite Corona-Pandemie hat zwar eher das Gegenteil bewiesen: Demokratische Länder konnten ihre Bevölkerung in der Regel besser schützen als autokratische Systeme, die die schlechteren Impfstoffe lieferten und Menschen in Betrieben und Wohnungen oft wochenlang einsperrten. Aber gerade in Zeiten von Krisen neigen viele Menschen zu einfachen Antworten. Dazu kommt: Die Deutschen sind schon länger wahl- und politikmüde. Vor allem bei Kommunal- und Landtagswahlen fällt die Beteiligung eher mau aus. Forscher besorgt insbesondere ein starkes Ohnmachtsgefühl in der Bevölkerung. Der aktuellen Leipziger Autoritarismus-Studie zufolge sind 75 Prozent der Deutschen der Ansicht: „Leute wie ich haben keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut.“ Vielleicht noch bedenklicher ist, dass 66 Prozent der Befragten der Aussage zustimmten: „Ich halte es für sinnlos, mich politisch zu engagieren.“