Herr Kruse, was bedeutet für Sie gutes Altern?
ANDREAS KRUSE Jede Lebensphase wertschätzen zu können, trotz Verlusten oder Beeinträchtigung. Jede Lebensstufe hat ihre Entwicklungsmöglichkeiten. Im Alter bedeutet das für viele, sich neue Beschäftigungen und Sinnquellen zu erschließen. Ein belastungs und krisenfreies Leben kann nicht unser Ziel sein. Es ist gut, wenn wir gefordert werden. Wir dürfen nur nicht ständig überfordert sein.
Wie hilft die Resilienz dabei?
AK Im Alter bekommt sie eine besondere Bedeutung: Wie gehen wir damit um, wenn wir nicht mehr so leistungsfähig sind, das Gedächtnis nicht mehr so funktioniert? Armut, der Umzug in ein Pflegeheim, der Verlust geliebter Personen, Einsamkeit, Krankheiten, all das kann uns irgendwann treffen und belasten. Doch mit dem Alter gehen auch neue Möglichkeiten der Selbstgestaltung einher: Menschen zeigen vielfach eine Vertiefung ihrer Gefühlswelt. Die seelische Widerstandsfähigkeit ist gerade bei alten Menschen oft stark. Wer manches durchgestanden hat, kann auch eher darauf vertrauen, künftige Krisen bewältigen zu können.
Was macht Menschen im Alter resilient?
AK Resilienz entwickeln wir unser Leben lang. Unsere Gene, unsere Ernährung und unser Lebensstil sind dabei von großer Bedeutung. Aber auch das Einkommen, die Bildung oder die Wohnsituation. Es stärkt uns, wenn wir uns bewusst mit dem Älterwerden auseinandersetzen: vom altersgerechten Gestalten der Wohnung bis hin zum sozialen Netzwerk, das wir uns aufbauen. Auch hilft es, anzunehmen, dass die Medizin nicht alle Probleme lösen kann.
Welche Rolle spielt dabei die persönliche Einstellung?
AK Es ist wichtig, eine akzeptierende Haltung gegenüber Unabänderlichem und der Endlichkeit des Lebens zu entwickeln. Nehmen wir etwa Schmerzpatienten. Die einen sagen: „Das schränkt meine Lebensqualität kaum ein.“ Andere reagieren mit Angstzuständen oder depressiv. Ich erinnere mich an eine Dame, die ich für eine Studie über Hochbetagte befragt hatte: eine Physikerin, etwa 85. Sie war optimistisch – trotz starker chronischer Schmerzen. Sie gab ehrenamtlich PhysikNachhilfe und erzählte: „Wenn ich morgens aufwache und weiß, das kann ich tun, dann bin ich glücklich. Dann vergesse ich mein Leiden.“ Diese Frau hat sich im Laufe ihres Lebens Ressourcen erworben: Sie hat ihre Persönlichkeit entwickelt, Humor ausgebildet. Der Schlüssel für viele resiliente Hochbetagte ist es, spüren zu können: Andere Menschen brauchen mich. Das hilft, über sich hinauszuwachsen.
Entscheidend ist, sich zugehörig zu fühlen?
AK Genau, Teil der Gesellschaft zu sein bedeutet nicht nur: „Es soll für mich gesorgt werden“ – sondern auch: „Ich will für andere sorgen.“ Ich habe lange Tumorpatienten begleitet: „Herr Kruse, werden Menschen noch an mich denken, wenn ich nicht mehr bin?“ Dieses Thema war für viele bedeutsam. Nachfolgende Generationen zu unterstützen und so symbolisch fortzuleben, ist vielen ein Antrieb.