Frau Grimm, seit Jahren forschen Sie zu den Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Menschen. Fluch oder Segen?
PETRA GRIMM Beides. Für eine Studie haben wir Menschen zu ihren Ängsten und Hoffnungen angesichts der Digitalisierung befragt. Im Beruf sehen sie viele als Segen: Abläufe lassen sich beschleunigen oder vereinfachen. Im Privaten hingegen empfinden viele Menschen genau diese Beschleunigung als Fluch. Sie erleben mehr Stress und psychischen Druck, oberflächliche Beziehungen und das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Ich glaube, weder Resignation noch Technik-Euphorie helfen. Es liegt an uns, den digitalen Wandel so zu gestalten, dass wir als Einzelne und als Gesellschaft gewinnen.
Wie können wir unser Verhalten bewusster steuern?
PG Wir müssen lernen, Anforderungen von außen nicht blindlings nachzugeben: Möchte ich auf eine Nachricht direkt antworten? Wann brauche ich eine Pause vom Smartphone? Tut es mir gut, mich mit einer Influencerin zu vergleichen? Das zu entscheiden und danach zu handeln, erfordert Widerstandsfähigkeit – digitale Resilienz.
Was hilft uns, diese Resilienz aufzubauen?
PG Als Wegweiser haben wir die 10 Gebote der Digitalen Ethik (siehe unten) entwickelt: Der Schutz der Privatsphäre ist dabei zentral, aber auch die Frage, wie ich mir im digitalen Raum meine Meinung bilde, ohne manipuliert zu werden. Und es geht um Empathie und Achtsamkeit. Wir müssen uns im digitalen Raum nicht nur anderen gegenüber wertschätzend verhalten, sondern auch uns selbst gegenüber.
Nachrichten rauschen herein, Videos blinken auf – was macht diese Flut an Reizen mit uns?
PG Soziale Medien – bei jungen Menschen insbesondere TikTok – stimulieren das permanente soziale Vergleichen. Auch im Analogen tun wir das. Doch auf diesen Plattformen messen wir uns mit der ganzen Welt. Aus mehreren Studien wissen wir, dass Menschen eher unglücklich werden, wenn sie sich länger in sozialen Medien aufhalten. Oder wie Sören Kierkegaard sagte: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“
Wie können wir eine gelassenere Haltung entwickeln?
PG Dass wir uns aneinander messen, gehört zum Menschsein. Es geht darum, eine eigene Identität zu entwickeln. Entscheidend ist aber, wie so oft, die Dosis. Es kann entlasten, sich bewusst zu machen, dass wir nicht ständig Anerkennung und Aufmerksamkeit brauchen und auch nicht permanent erreichbar sein müssen. Sich dem Wunsch zu entziehen, immer einzigartig sein zu wollen, das kann uns schützen. Es hilft, das Smartphone regelmäßig wegzulegen und zu bestimmten Zeiten abzuschalten.