Um zu verstehen, wie schlechte Nachrichten im Fernsehen oder auf Facebook auf uns wirken, muss man weit zurückblicken. Genauer gesagt: in die Steinzeit. Seit jener Zeit tragen wir Menschen einen Fokus auf das Negative in uns – das sagen Expertinnen und Experten wie die Neurowissenschaftlerin Maren Urner. „Negativity Bias“ nennen sie das Phänomen. Wir reagieren intensiver auf schlechte Nachrichten als auf gute und wir schenken dem Negativen mehr Aufmerksamkeit. Einst war das eine gute Sache – der Fokus auf Bedrohungen sicherte unser Überleben. Denn eine übersehene Gefahr konnte schnell tödlich sein, wenn der Säbelzahntiger lauerte.
Unser Steinzeithirn ist überfordert
Und heute? Ist unser Steinzeithirn von der modernen Informationslandschaft hoffnungslos überfordert, wie Urner in ihrem Buch Schluss mit dem täglichen Weltuntergang beschreibt. Journalistinnen und Journalisten wählen mit Vorliebe negative Nachrichten aus. „If it bleeds, it leads“ – „Wenn es blutet, wird es zur Schlagzeile“ – lautet eine alte Redaktionsweisheit. Hohe Klickzahlen für reißerische Katastrophen-News treiben die Negativspirale an und die Algorithmen der Social-Media-Kanäle potenzieren den Effekt. Denn das sorgt für höhere Reichweiten, Verweildauern – und damit Werbeeinnahmen.
Die Gefahren liegen auf der Hand: „Doomscrolling“, also das exzessive Konsumieren negativer Nachrichten im Netz, kann Stress und Depressionen auslösen oder verschlimmern, darauf weist etwa Matthew Price, Psychologe an der Universität Vermont, hin. Doch die Effekte reichen noch weiter. Die Negativspirale kann auch dazu führen, dass Menschen ins andere Extrem umschlagen – und sich vom Weltgeschehen abwenden. Diese Nachrichtenmüdigkeit, „News Fatigue“, ist in Studien insbesondere bei jungen Menschen feststellbar. Beim Nachrichtenkonsum eine Pause einzulegen wäre an sich nichts Schlechtes, für die mentale Gesundheit sogar zu empfehlen. Doch die News Fatigue führt schlimmstenfalls dazu, dass Menschen resignieren.
Wer viel schlechte Nachrichten konsumiere, gerate in einen Zustand „gelernter Hilflosigkeit“, erläutert die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel in ihrem Buch Wie wir die Welt sehen, das sich mit der medialen Negativspirale befasst. Man schätze die Welt als gefährlicher ein, als sie ist – und man bekomme das Gefühl, nichts am Zustand der Welt ändern zu können, selbst wenn das gar nicht stimme. „Wir wenden uns ab von den Medien und, was noch folgenreicher ist, von gesellschaftlichen Problemen allgemein“, schreibt Wurmb-Seibel. Das führe zu weniger Beteiligung und gefährde die Demokratie. Auch treffen Menschen, die ständig ängstlich sind, Entscheidungen nicht bedacht, sondern mit dem kurzfristigen Blick des Krisenmodus, wie Maren Urner beschreibt.
Verstärkt werden derlei Effekte durch Fake News und Desinformation. Der Einsatz künstlicher Intelligenz vereinfacht das Erstellen gefälschter Fotos und Videos massiv. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht im Gespräch mit ZDF heute deshalb die Gefahr einer „neuen Dimension von Vertrauenskrisen“ auf uns zukommen. Ethische Standards für den Einsatz von KI-generierten Inhalten werden immer wieder gefordert. Antworten, auch seitens der Politik, fehlen bislang weitgehend.
Was also ist zu tun? Soziale Netzwerke stärker regulieren und Medienkompetenz schon in der Schule stärken – das fordern Experten einhellig. Doch auch die Macher klassischer Nachrichten sollten nicht aus der Pflicht entlassen werden: der Pflicht zu einer ausgewogenen und unaufgeregten Berichterstattung – als Gegengewicht zu den sozialen Medien. Wurmb-Seibels Vorschlag an Medienmacher ist, über Missstände und Probleme zu berichten, aber auch Perspektiven einzubringen, wie wir damit umgehen können.