Mit Irrtümern und Fehlern beschäftigt sich Henning Beck besonders gern. Nachdem der Neurobiologe 2014 in seinem Buch Hirnrissig mit den populärsten Mythen über das Gehirn aufräumte und sich später mit der Unkonzentriertheit des Menschen auseinandersetzte, widmet sich Beck in seinem neuesten Werk unserer Unfähigkeit, auf die gigantischen Herausforderungen unserer Zeit angemessen zu reagieren. In den 12 Gesetzen der Dummheit entlarvt der Hirnforscher Denkfehler, die vernünftige Entscheidungen verhindern – in der Politik und bei uns allen.
Am Anfang von Becks Auseinandersetzung mit der Dummheit stand eine Mischung aus Verzweiflung und Empörung. „Wir rühmen uns, in ach so aufgeklärten Zeiten zu leben. Wenn man sich aber ansieht, wie sich Menschen tatsächlich verhalten, kommt man sich bisweilen vor wie im Mittelalter.“ In einem postwissenschaftlichen Zeitalter also, in dem „die Menschen jeden Schwachsinn glauben“ und der Shitstorm den Pranger ersetzt. „Von wegen mündig und vernünftig!“
Was zunächst nach einer niederschmetternden Lektüre klingt, ist eigentlich ein MutmacherBuch, denn Beck ist Optimist aus Prinzip. In der Neurowissenschaft, so der 40Jährige, unterscheide man zwischen Menschen, die Probleme für lösbar halten, und „Leuten, die an eine schicksalhafte Entwicklung glauben“, ergo Pessimisten. „Alle Untersuchungen zeigen, dass Optimisten länger leben und in fast allen Lebensbereichen erfolgreicher sind.“
Optimismus schärfe auch den Blick dafür, wie wir Barrieren in unseren Köpfen überwinden können. „Viele Ideen, die wir derzeit verfolgen, funktionieren nicht“, sagt Beck, „weil sie die Grundlagen des menschlichen Denkens unberücksichtigt lassen.“ Sprich, eine Lösung, die auf dem Reißbrett wunderbar funktioniert, ist zum Scheitern verurteilt, wenn sie vergisst, „wie der Mensch tickt“. Und genau darin besteht ja Becks Expertise. Dies sind ihm zufolge einige der Schlüsselmuster, die die Menschheit besonders dumm aussehen lassen.
Die Freude am Pessimismus
Menschen, so Henning Beck, haben ein großes Talent dafür, sich auszumalen, wie sich Probleme verschärfen werden. „Leider sind wir andererseits aber kaum fähig, uns vorzustellen, welche Lösungen in der Zukunft parat stehen könnten.“ Als Beispiel nennt er die Pandemie. „Hätte uns jemand im Jahr 2000 beschrieben, dass es etwas wie einen Lockdown geben würde, wären wir in blankes Entsetzen verfallen.“ Aber, fährt Beck fort, wir hätten uns eben auch nicht vorstellen können, dass in der Welt von 2020 Streamingdienste, Videokonferenzen und Onlinebestellungen bereitstehen würden, um mit den Kontaktsperren besser fertig zu werden. „Uns fehlt“, sagt Beck, „die Vorstellungskraft, dass wir in 20, 30 Jahren mit ganz anderen Mitteln an eine Situation herangehen werden.“ Das sei auch der Grund, warum wir Pessimisten für besonders schlau halten. „In den Talkshows kommen die Schwarzmaler immer besonders clever rüber.“ Becks Satz „Menschen überschätzen den Fortbestand eines Problems in der Zukunft“ hat etwas Tröstliches, wenn wir die richtigen Schlüsse daraus ziehen.
Warum uns Zukunft egal ist
Nächster Denkfehler: Wer seine Argumentation auf dem Wohl zukünftiger Generationen aufbaut, etwa in Bezug auf den Klimawandel, verschwendet seine Energie. Aus neurobiologischer Sicht, meint Henning Beck, solle man sich lieber auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Wolle man Menschen davon überzeugen, etwas zu ändern – etwa klimafreundlicher zu leben –, müsse die Frage immer sein: Welche Vorteile haben wir davon schon jetzt oder in unmittelbarer Zukunft? Alles andere sei vergeudete Zeit. Das liegt daran, sagt der Wissenschaftler, dass wir Schwierigkeiten haben, uns unser eigenes Ich in der Zukunft vorzustellen. An der Person, die wir in 30 Jahren sein werden, verlieren wir schnell jegliches Interesse. Die Aktivität im vorderen Bereich der Großhirnrinde, unserem Aufmerksamkeitszentrum, erklärt Beck, sei signifikant höher, wenn wir an unser gegenwärtiges Ich denken, als wenn wir uns mit unserem zukünftigen Ich beschäftigen. Die Konsequenz? „Im Grunde nehmen wir die zukünftige Menschheit als Fremde wahr. Warum sollte ich mich also für diese Leute einsetzen?“
Keine Lust auf Risiko
Eine Dummheit, die in Deutschland besonders stark verbreitet ist, sagt Henning Beck, sei die mangelnde Bereitschaft, Risiken einzugehen. Ganz egal übrigens, wie gering sie tatsächlich sind. Für Menschen sei es schwierig, Risiken richtig einzuschätzen, das hätten Studien gezeigt. „Wir haben kein Gespür für Wahrscheinlichkeiten, realisieren also nicht, was 1 : 1.000 bedeutet, sondern fühlen nur die Angst, dass etwas eintreffen könnte, was uns bedroht.“ Hierzulande, so der Hirnforscher, seien wir besonders risikoavers und „Deutschland ist eines der wenigen Länder, in dem die Angst vor Verlust zunimmt, je wohlhabender eine Person ist“. Dass sich die Menschen ausgerechnet in einem reichen und sicheren Land so stark vor der Zukunft fürchten, betrachtet Beck als Paradox. Ein Großteil der Deutschen glaube, dass Technologie mehr Probleme schafft, als sie löst. „Wie will ich denn da eine Zukunft gestalten?“ Statt nur Risiken abzuwägen, so Beck, solle man stärker die Chancen ins Auge fassen, die eine Zukunftstechnologie bieten kann.