Der große französische Schauspieler Fernandel hat mal gesagt: „Wer zugibt, dass er feige ist, hat Mut.“ Mut kann heißen, dass man etwas tut, obwohl man Angst davor hat; aber auch, dass man etwas nicht tut, weil man es als falsch, zu riskant oder nicht zielführend erkannt hat. Mut treibt an, Angst bremst aus, erst wenn beide zusammenspielen und harmonisch austariert werden, entsteht verantwortungsvolles Handeln. Anders ausgedrückt: Ein Held oder eine Heldin darf Angst haben, es kommt darauf an, wie er oder sie mit ihr umgeht. Mut zur Angst heißt sogar der Titel eines Buches der Ärztin und US-Bestsellerautorin Lissa Rankin. Untertitel: Wie wir uns durch das, was wir fürchten, heilen können.
Mut kennt viele Bedeutungen. Schon das althochdeutsche Wort muot kann je nach Kontext mit Sinn, Seele, Geist oder Gemüt übersetzt werden. Im Hochmittelalter wird der Mut im Minnesang als hôher muot mit Hochherzigkeit, Edelmut und Uneigennützigkeit gleichgesetzt. Wer Gefahr nicht (an-)erkennt, ist nicht mutig, sondern töricht, unter Umständen verantwortungslos. Echter Mut ist eine Frage der Haltung, des Charakters und der Weitsicht, indem er möglichst viele Eventualitäten sowie die Konsequenzen des eigenen Handelns miteinbezieht. Gedeihen kann er nur da, wo er auf ein gesundes Maß an Selbsteinschätzung trifft. Wird er zum Hoch- oder Übermut, büßt er seine Kraft ein, ja wird unter Umständen – wie bei Donald Trump, der sein Amt mit sich selbst verwechselt hat – pathologisch. Weil er sich weigerte, seine Wahlniederlage anzuerkennen und verzweifelt versuchte, ein abgeschlossenes demokratisches Verfahren nachträglich in den Schmutz zu ziehen, brachte er das ins Wanken, was in der Politikwissenschaft als das „Wunderwerk der Demokratie“ bezeichnet wird: die friedliche Übertragung von Macht, die nur möglich ist, weil alle politischen Kräfte die Abstimmungsergebnisse akzeptieren. Dass am Nachmittag des 6. Januar ein gewaltbereiter Mob, motiviert von Trump, das Kapitol in Washington stürmen würde, das hätte man niemals für möglich gehalten. Es war die unrühmliche Fortsetzung einer Reihe von Störfällen und Gewalttaten, denen sich längst auch Repräsentantinnen und Repräsentanten unseres Staates ausgesetzt sahen: Im Sommer 2020 beschimpften von der AfD in den Reichstag geladene Provokateure mehrere Abgeordnete. 2019 war es nicht bei Worten geblieben: Der CDU-Politiker und Regierungspräsident von Kassel Walter Lübcke wurde für sein Engagement in der Flüchtlingskrise auf der Terrasse seines Hauses von einem Rechtsextremisten erschossen. Es sind dies die Folgen einer Enthemmung, die von rechten Populistinnen und Populisten in Kauf genommen und gelegentlich sogar befeuert werden.
Dieser Hetze gegen Andersdenkende, dieser politischen Arroganz, gezielten Provokation und Polarisierung steht der Führungsstil Angela Merkels gegenüber: zurückhaltend, tastend, dienend. Die deutsche Bundeskanzlerin hat jahrelang vorgemacht, dass eine Portion Demut nicht schadet, wenn man Entscheidungen zu treffen hat, die Millionen von Menschen betreffen. „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen“, sagte auch Gesundheitsminister Jens Spahn im Frühjahr 2020 während der ersten Coronawelle. Ein ungewöhnlich mutiger Satz für einen Politiker. Warum? Weil Spahn damit suggeriert, dass die Regierung und auch er selbst die Bürgerinnen und Bürger nicht fehlerlos, also nicht ohne Irrtümer und Fehleinschätzungen, durch diese Pandemie steuern können werde. Indem er die eigene Fehlerhaftigkeit als Möglichkeit einräumt, beweist er Stärke, aus der Vertrauen erwachsen kann.