Legendäre Pionierleistungen
All das verdeutlicht, wie groß die Pionierleistung von Jochen Hasenmayer war, der am Blautopf Tauchgeschichte geschrieben hat. Im Jahr 1989 bremst ein Tauchunfall Hasenmayers Forschungen zunächst aus: Weil ein defektes Messgerät eine falsche Tiefe anzeigt, taucht er im Wolfgangsee zu schnell auf. Seitdem ist der heute 82-Jährige querschnittsgelähmt. Das Höhlentauchen gibt Hasenmayer deswegen aber nicht auf. Mit seinem Speleonaut, einem eigens entwickelten Mini-U-Boot, erforscht er weiterhin die Blautopfhöhlen. Er ist überzeugt: Das verzweigte System reicht noch viel weiter. Tatsächlich entdeckt er im Jahr 2004 hinter dem Mörikedom zwei weitere Hallen, die er „Äonendom“ und „Mittelschiff“ tauft.
Die Höhlen lassen auch Andreas Kücha nicht los. Im Jahr 2001 erreicht er erstmals den Mörikedom. Auf den Spuren Hasenmayers dringen die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Blautopf immer weiter vor. Im Jahr 2006 treffen Kücha und sein Freund Jochen Mahlmann auf einen Felssturz, dahinter ein bislang unbekannter Durchgang. „Apokalypse“ nennen sie die 190 Meter lange, 70 Meter breite und 50 Meter hohe Halle, die sie dahinter betreten. Geschmückt ist sie mit Tausenden kleinen querwachsenden Tropfsteinen.
Zwei Jahre nach der Entdeckung der „Apokalypse“ dann erneut ein Coup: Kücha vernimmt in der südlichsten Ecke des Mörikedoms plötzlich ein Geräusch. „Mir wurde klar, dass das die Motorengeräusche von Lkws sind. Ich wusste also, dass die Oberfläche ganz nah ist“, erzählt Kücha. Tatsächlich sitzt er direkt unter der Bundesstraße B 28. Es kommt ihm eine Idee: ein neuer Zugang zur Höhle – genau an dieser Stelle.
Im Jahr 2010 ist es so weit: Neben der B 28 wird ein 17 Meter tiefes Loch gebohrt, der neue Zugang führt direkt in den trockenen Teil der Höhle. Kücha tauft ihn „Stairway to Heaven“. Als erster Mensch betritt er über die „Treppe zum Himmel“ die Höhle, ohne vorher tauchen zu müssen. Für die Forschenden beginnt mit diesem Tag eine neue Zeitrechnung: Material kann fortan leichter nach unten gebracht werden, auch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben nun Zugang zu der unterirdischen Welt, die noch viele Rätsel aufgibt.
In den vergangenen Jahren hat die Arbeitsgemeinschaft Blautopf dank der Röhre etliche neue Abschnitte ausfindig machen können. Sie tragen Namen wie „Halle des verlorenen Flusses“, „Schluckloch“ oder „Schwarzer Kamin“. In den unterirdischen Welten der Karstlandschaft stecken Informationen über die Erdgeschichte, über frühere Klimaverhältnisse und die Entwicklung der Region. Kücha entnimmt Gesteinsproben, misst Fließgeschwindigkeit und Temperatur des Wassers, hält Vorträge – und weist auch immer wieder auf die menschengemachte Verschmutzung des Grundwassers auf der Schwäbischen Alb hin, mit der er durch seine Arbeit konfrontiert ist.
Kücha glaubt, dass die Höhlen unter dem Blautopf zusammen eines der größten Systeme in ganz Deutschland bilden könnten. Stand Juli 2023 sind 17,5 Kilometer erforscht, vermessen und kartiert. Das momentane Ende bildet der „Versturz 3“ unter dem Ort Wennenden im Alb-Donau-Kreis, ein rund 120 Meter langes Felsengebirge, das vor Jahrtausenden heruntergebrochen sein muss. Auch zwischen dem Blautopfhöhlensystem und der nahe gelegenen Hessenhauhöhle vermuten die Forschenden eine Verbindung. Bisher ist zwischen den einzelnen Höhlen auf der Schwäbischen Alb aber kein Durchkommen, außer für Luft und Wasser, wie verschiedene Experimente ergeben haben.
Die Frage ist: Wie geht es dahinter weiter? Und wird jemals ein Mensch die Passagen, an denen Gestein ein Weiterkommen verhindert, überwinden können? Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Blautopf sind sich sicher, dass sie weitere sensationelle Entdeckungen im größten Höhlenlabyrinth der Schwäbischen Alb machen werden: „Wir sind jetzt gerade einmal am Anfang der Forschung“, sagt Kücha. „Unser Ziel ist es, so weit wie möglich in das Herz der Alb vorzudringen. Das wird aber sicherlich noch eine Aufgabe von mehreren Generationen sein.“