Inspirieren

Gute Ideen kann jede und jeder haben. Und Kreativität löst Glücksgefühle aus. Wie können wir ihr mehr Raum geben, damit wir uns voll entfalten?

Lisa Rüffer
Lesedauer: 3 Minuten

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„Woher haben Sie Ihre Ideen?“ Diese Leserfrage ist unter Autorinnen und Autoren gefürchtet. Schriftsteller Leo Richter, eine Figur aus dem Erzählband Ruhm von Daniel Kehlmann, antwortet darauf schnippisch: „Badewanne“. Die Idee entstammt einer berühmten Anekdote: Der König von Syrakus wollte vom Gelehrten Archimedes wissen, ob die Königskrone aus reinem Gold oder mit billigem Zusatz gestreckt worden sei. Archimedes musste die Aufgabe lösen, ohne die Krone zu zerstören. Wie hätte das gehen können? Er brauchte dringend eine Idee. Einige Tage später rannte Archimedes nackt durch die Straßen und rief laut „Heureka!“ – in etwa: Ich hab’s! Der erhellende Gedanke kam ihm in der Badewanne. Sein Körper verdrängte dort das Wasser und hatte die Wanne zum Überlaufen gebracht. Dieses Verdrängungsprinzip half Archimedes zu beweisen, dass der König betrogen worden war. Ein Goldbarren gleichen Gewichts verdrängte weniger Wasser als die Krone. Also musste Letztere mit Material geringerer Dichte gestreckt worden sein.

Der Zauber des Anfangs 

Der Zauber des Anfangs „Erleuchtung“, „schöpferischer Einfall “ oder „erhellende Idee“ – schon der Lexikoneintrag macht klar, dass Inspiration etwas schwer Greifbares, aber Strahlendes ist. Der Mensch jagt ihr seit Jahrtausenden nach – als Künstler, Wissenschaftlerin oder bewundernder Fan. Denn ohne sie hätte die Menschheit sich kaum weiterentwickelt. Ob moderne Kunst, Demokratie oder Quantenphysik – Inspiration ist der Motor unserer Zivilisation. Hätten wir keine Ideen, würden wir immer nur das Gleiche reproduzieren. Nichts veränderte sich. Doch der Mensch strebt nach Veränderung. Deshalb berührt uns Kreativität. Sie löst Glücksgefühle aus. Ob Kunsttherapie oder autobiografisches Storytelling – längst kann Inspiration helfen, Depressionen oder lähmende Traumata zu heilen. Auch unser Körper verändert sich schließlich mit jedem Lebensjahr und der Geist mit ihm. Das Leben erfahren wir als ständigen Abschied und Neuanfang. Stillstand dagegen macht uns auf Dauer missmutig. Der Dichter Hermann Hesse hat dieses transzendentale Gefühl der Veränderung in seinem oft zitierten Gedicht Stufen beschrieben: „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne. (…) Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Aber wie entsteht dieser Zauber des Anfangs eigentlich? Sehen wir einen Vogel auf einem Ast, aktivieren die Sinneszellen des Auges unsere Hirnzellen, die wiederum ihre Nachbarn anstupsen. Das Bild vom Vogel saust durch ein neuronales Netz. Hirnforscherinnen und Hirnforscher nennen diesen Vorgang, der sich im Hirnscan abbilden lässt, Aktivitätsmuster. Wir kennen es als Gedanke. Viele stellen sich das Gehirn als eine Art Supercomputer vor. Doch die Rechenprozesse eines Computers sind viel leistungsstärker als unsere Denkleistung. Allerdings sind sie auch immer gleich. Gedanken dagegen können immer neue Aktivitätsmuster ausbilden. So entstehen auch Fehler. Ein Grund, warum Algorithmen heute einen großen Teil der Arbeit schneller und effizienter erledigen als Menschen – Post sortieren oder Banküberweisungen ausführen etwa. Aber: Nur aufgrund der Tatsache, dass sich die Bahnen, in denen unser Hirn Informationen verarbeitet, mit jedem Gedanken ändern, erleben wir Heureka-Momente. Das ist eine Superkraft, die uns außergewöhnlich macht. Und die uns – hoffentlich – helfen wird, komplexe Krisen wie den Klimawandel zu bewältigen. Inspiration und Kreativität sind in einer automatisierten Welt unschlagbare Alleinstellungsmerkmale. Nicht einmal Künstliche Intelligenz ist bislang zu Kreativität in der Lage. Doch wie entsteht sie?

Ein Feuerwerk der Aktivitätsmuster 

Wir wissen heute, dass gute Ideen zwei Grundvoraussetzungen brauchen: Unser Kontrollzentrum im Stirnhirn, der präfrontale Cortex, muss im Ruhemodus sein. Erst dann sind die Weichen gestellt, damit sich zuvor im Gedächtnissystem gespeicherte Informationen neu zusammensetzen können. Kurz gesagt: Das Hirn braucht Ruhe und vorhandenes Wissen, um eine Idee zu entwickeln. Wie bei Archimedes kommen uns die besten Ideen meist dann, wenn wir gerade nicht mehr auf ein Problem konzentriert sind, sondern baden oder staubsaugen. Dieser Zustand, in dem Inspiration sich entfaltet, kann für jede und jeden anders aussehen. Die einen gehen im Wald spazieren oder hören Musik, die anderen wenden sich dem nächsten Projekt zu. Wir treten jedenfalls einen Schritt zurück, schalten das Kontrollzentrum aus und betrachten etwas in einem neuen Zusammenhang. So verstehen wir etwas neu – auch uns selbst – und lernen. Ein anderes Wort für diesen Zustand ist Müßiggang. Künstlerinnen und Künstler schätzen ihn als Quelle der Inspiration.

Kreativität kann man lernen. Wie stark wir unsere Kontrollinstanz walten lassen, lässt sich trainieren. Indem wir bewusst die Perspektive wechseln, sei es durch den Austausch mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis oder indem wir beim Denken tanzen statt stillzusitzen. Nur langsam verändert sich unser Bildungssystem, das seit dem 19. Jahrhundert darauf ausgerichtet ist, Menschen auf Arbeiten vorzubereiten, die heute Maschinen übernehmen können. Hirnforscherinnen und Hirnforscher werden daher nicht müde zu betonen, dass wir unser Bildungssystem revolutionieren müssen. Denn eine innovative Gesellschaft entsteht dort, wo Kreativität ihren Raum hat – und nicht dadurch, dass stumpf regelkonformes Wissen gepaukt wird.

Was wäre, wenn analytische und kreative Unterrichtsfächer, wenn Mathe und Musik die gleiche Anerkennung bekämen? Würde bislang Gelerntes an Wert verlieren? Gingen die Expertinnen und Experten unter und eine kreative Anarchie stürzte die Welt ins Chaos? Unwahrscheinlich. Denn erst im richtigen Gleichgewicht von Analyse und Kreativität, von Inspiration und Wissen beginnt im Hirn das einmalige Feuerwerk der Aktivitätsmuster. Ob im Labor, vor einer Schulklasse oder über dem leeren Blatt: Alles, was uns dabei hilft, die Perspektive zu wechseln, fördert das kreative Denken. 

Gute Ideen kann jede und jeder haben. Dazu brauchen wir nur Raum. Der Unmut, den die Frage nach ihrer Ideenquelle bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern auslöst, rührt übrigens daher, dass auch Kunst Mühe ist. Denn eines gilt für jede gute Idee: Sie ist nur der Beginn einer ganzen Menge Arbeit. 

Aus der Stiftung – Gesellschaft & Kultur

KULTURAKADEMIE

Jungen Menschen Mut machen und ihre Talente fördern ist das Ziel der Kulturakademie der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg. Ob in bildender Kunst, Literatur, MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) oder Musik: Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen sechs bis elf erhalten die Möglichkeit, sich und ihre vielfältigen Fähigkeiten auszuprobieren. Mehr Infos unter: 

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