„Woher haben Sie Ihre Ideen?“ Diese Leserfrage ist unter Autorinnen und Autoren gefürchtet. Schriftsteller Leo Richter, eine Figur aus dem Erzählband Ruhm von Daniel Kehlmann, antwortet darauf schnippisch: „Badewanne“. Die Idee entstammt einer berühmten Anekdote: Der König von Syrakus wollte vom Gelehrten Archimedes wissen, ob die Königskrone aus reinem Gold oder mit billigem Zusatz gestreckt worden sei. Archimedes musste die Aufgabe lösen, ohne die Krone zu zerstören. Wie hätte das gehen können? Er brauchte dringend eine Idee. Einige Tage später rannte Archimedes nackt durch die Straßen und rief laut „Heureka!“ – in etwa: Ich hab’s! Der erhellende Gedanke kam ihm in der Badewanne. Sein Körper verdrängte dort das Wasser und hatte die Wanne zum Überlaufen gebracht. Dieses Verdrängungsprinzip half Archimedes zu beweisen, dass der König betrogen worden war. Ein Goldbarren gleichen Gewichts verdrängte weniger Wasser als die Krone. Also musste Letztere mit Material geringerer Dichte gestreckt worden sein.
Der Zauber des Anfangs
Der Zauber des Anfangs „Erleuchtung“, „schöpferischer Einfall “ oder „erhellende Idee“ – schon der Lexikoneintrag macht klar, dass Inspiration etwas schwer Greifbares, aber Strahlendes ist. Der Mensch jagt ihr seit Jahrtausenden nach – als Künstler, Wissenschaftlerin oder bewundernder Fan. Denn ohne sie hätte die Menschheit sich kaum weiterentwickelt. Ob moderne Kunst, Demokratie oder Quantenphysik – Inspiration ist der Motor unserer Zivilisation. Hätten wir keine Ideen, würden wir immer nur das Gleiche reproduzieren. Nichts veränderte sich. Doch der Mensch strebt nach Veränderung. Deshalb berührt uns Kreativität. Sie löst Glücksgefühle aus. Ob Kunsttherapie oder autobiografisches Storytelling – längst kann Inspiration helfen, Depressionen oder lähmende Traumata zu heilen. Auch unser Körper verändert sich schließlich mit jedem Lebensjahr und der Geist mit ihm. Das Leben erfahren wir als ständigen Abschied und Neuanfang. Stillstand dagegen macht uns auf Dauer missmutig. Der Dichter Hermann Hesse hat dieses transzendentale Gefühl der Veränderung in seinem oft zitierten Gedicht Stufen beschrieben: „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne. (…) Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“