Im November 1907 kam das Mädchen Astrid in der schwedischen Provinz Småland auf die Welt. In einem alten roten Holzhaus, umgeben von Wiesen und Apfelbäumen, im Stall die Pferde und im Hof die Hühner. Viele können sich nach diesen ersten Sätzen schon ein ziemlich genaues Bild dieser Kindheit machen. Das liegt auch daran, dass Astrid Lindgren im Erwachsenenalter Autorin sehr vieler, sehr berühmter Kinderbücher wurde. Darunter auch Wir Kinder aus Bullerbü, in dem sie ihre eigene glückliche Kindheit wiederaufleben lässt. „Zwei Dinge hatten wir, die unsere Kindheit zu dem machten, wie sie war – Geborgenheit und Freiheit“, hat die Schriftstellerin später notiert. In den mehr als hundert Jahren seit Astrid Lindgrens Bullerbü-Kindheit hat sich die Welt tiefgreifend verändert. Doch Geborgenheit ist nach wie vor eine grundlegende Voraussetzung für das Wohlergehen von Kindern. Nur, wie entsteht Geborgenheit?
Die Antwort scheint einfach, ist aber überaus komplex: durch gute Beziehungen zu anderen Menschen. Sie können im Leben gleichermaßen ein Sprungbrett und ein Auffangnetz sein. „Kinder sind in hohem Maß auf Bezugspersonen angewiesen, die sie im Alltag und bei ihren Entwicklungsaufgaben unterstützen“, erklärt Ute Ziegenhain. Die Pädagogin und Entwicklungspsychologin arbeitet in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Ulm daran, wissenschaftliche Erkenntnisse – insbesondere auch aus der Bindungsforschung – von der Theorie in die Praxis zu überführen. Dabei ist eine zentrale Erkenntnis unbestritten: „Die ersten Beziehungen sind wie eine Schablone für das kommende Leben.“ Das Geflecht aus liebevollen, stabilen und vertrauten Beziehungen zu Eltern, Verwandten, Freunden und auch zu Lehrenden bildet das sichere Fundament, auf dem Kinder die Welt entdecken und erfahren können. Ein Schlüsselbegriff ist dabei Feinfühligkeit – die Fähigkeit, Kinder in ihrem besonderen Schutzbedürfnis wahrzunehmen, ihre Signale zu interpretieren und intuitiv richtig darauf zu reagieren. Wer in einem feinfühligen Beziehungsfeld aufwächst, ist später selbstständiger, selbstbewusster, konfliktfähiger und kompromissbereiter. Kurzum: fähig, selbst positive Beziehungen einzugehen und zu führen. „Das ist nicht nur für das Individuum, sondern auch für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft wichtig“, sagt Ute Ziegenhain. Schließlich basiert auch eine erfolgreiche Demokratie auf Vertrauen zwischen dem Staatsvolk und seinen Repräsentantinnen und Repräsentanten.
Im Kreislauf der Gewalt
Aber nicht alle Menschen erleben eine Apfelblüten-Kindheit im gemütlichen Holzhaus. Das muss auch nicht sein. Viele Mädchen und Jungen in unserer Gesellschaft haben eine gute Kindheit – mit normalen Höhen und Tiefen. „Bis zu 60 Prozent der Kinder entwickeln sichere Bindungen mit engen Bezugspersonen“, betont Ziegenhain. Aber: Es gibt eben auch Kinder, die physische, psychische oder sexuelle Gewalt erleben müssen. „Dass Kinder gewaltfrei aufwachsen können, muss ein zentrales Ziel für alle gerechten Gesellschaften sein“, fordert Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Ulm. Das sieht auch der Gesetzgeber so. Zwar stehen Kinderrechte noch immer nicht explizit im Grundgesetz, aber im Jahr 2000 wurde wenigstens endlich das Recht auf gewaltfreie Erziehung in Deutschland gesetzlich verankert. Das war nicht nur, wie jetzt auch bei den Kinderrechten vermutet, Symbolpolitik. Die Einstellung zu Gewalt in der Erziehung hat sich unterdessen in weiten Teilen der Gesellschaft deutlich verändert: Ohrfeigen, Demütigungen oder auch Vernachlässigungen sind längst nicht mehr akzeptiert. Das heißt aber nicht, dass das Problem von Gewalt in der Familie aus der Welt ist.
Gerade in ihrer eigenen Familie ist die Gefahr für Kinder, Opfer von Gewalt zu werden, besonders groß. Ob ein Kind in der Familie Gewalt direkt erfährt oder Gewalt zwischen den Eltern beobachten muss, macht laut Ute Ziegenhain kaum einen Unterschied. Oft ist es doppelt belastend, wenn der aggressive Elternteil Angst verbreitet und gleichzeitig der andere, oft wehrlose Elternteil nicht in der Lage ist, das Kind zu schützen. Für die betroffenen Kinder bedeuten schon sporadische, aber vor allem andauernde Gewalttätigkeiten existenzielle Unsicherheit. „Wie belastet Kinder sind, lässt sich nicht immer ohne weiteres an ihrem Verhalten ablesen“, sagt Ziegenhain. Die sichtbaren Symptome unterscheiden sich von Fall zu Fall. Aber Entwicklungsverzögerungen, mangelnde Konzentration, Aggressionen, unterdrückte Emotionen und Depressionen können Folgen sein. Viele Kinder entwickeln Strategien, um diese Unsicherheit auszugleichen und die Situation für sich und ihre Familie zu verbessern. Nicht selten übernehmen Betroffene auch gewalttätige Einstellungen und Verhaltensmuster ihrer Eltern. Die Wissenschaft spricht in solchen Fällen von einem „Cycle of Violence“, einer Spirale der Gewalttätigkeit.