Gesundheit steckt in allem, mal direkt, mal indirekt. Sie ist eine persönliche Angelegenheit, zugleich eine kollektive Sache. Jeder darf so viel rauchen, wie er will: persönliche Freiheit. Erkrankt ein Raucher an der Lunge, zahlen alle: Solidarprinzip. Die Gemeinschaft muss das aushalten. Was nicht heißt, dass sie nicht gegensteuern dürfte, etwa in Form von Verboten oder Steuern. Die Regeln dafür stellt die Regierung auf – und es können Nebenwirkungen auftreten, wenn die verschiedenen Ressorts nicht vernetzt denken. Ein Beispiel: Fachleute fordern schon lange eine Abgabe auf Getränke, die mit Zucker gesüßt sind. Wer viel Cola und Co. trinkt, erkrankt eher an Übergewicht und Diabetes. Werden diese Getränke teurer, werden sie weniger gekauft und die Hersteller senken den Zuckeranteil, wie Erfahrungen anderer Länder zeigen. Das Steuergeld sollte dann wiederum dem Gesundheitssystem zugutekommen. Zwei gute Effekte: Die Menschen erhalten einen Anreiz, sich gesünder zu ernähren, die Krankenkassen eine Finanzspritze. Geht es um potenzielle Steuereinnahmen, ist aber das Finanzministerium zuständig. Dort wird in erster Linie das Ziel verfolgt, Steuereinnahmen zu erhöhen, die wiederum nicht zweckgebunden sind. Die Primärziele, Krankheiten zu verhindern und die Einnahmen ins Gesundheitssystem zurückfließen zu lassen, drohen beim Übertritt vom Gesundheits- ins Finanzressort verloren zu gehen.
Feature
Gesundheit und vernetztes Denken
Gesundheit betrifft alles und jeden. Erstaunlich, dass die Politik den Sektor häufig isoliert betrachtet – als ein Problem der Kassen, Ärzte, Patienten. In der Konsequenz ist das deutsche System teuer und ineffizient. Dabei liegen Daten und Ideen auf dem Tisch: Wer vernetzt denkt und vorbeugend handelt, löst Probleme. Auch das der Finanzen.
Welche rechtlichen Rahmenbedingungen können helfen, den Blick von Menschen in Richtung Gesundheitsprävention zu lenken? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Südwesten haben vernetzte Lösungsansätze.
Miserable Kosten-Nutzen-Rechnung
Bei der Rentenpolitik lässt sich Ähnliches beobachten. Diskutiert wird, das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung anzupassen, um die klammen Rentenkassen zu stabilisieren. „Statt Strategien für die Zukunft zu entwickeln, wird so getan, als habe die Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik nichts mit Gesundheitspolitik zu tun“, sagt Falko Sniehotta, Leiter der Abteilung für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. „Es mangelt an Nachhaltigkeit und langfristigem Denken.“ Denn: Nicht jeder kann länger arbeiten. Menschen, die eine körperlich oder emotional belastende Arbeit ausüben, haben ein höheres Risiko, im Alter krank zu werden. Und das betrifft viele Jobs: auf dem Bau, in der Reinigungsbranche, in helfenden Berufen sowie in Branchen mit Schichtarbeit. Die Entlastung der Rentenkasse kann also zu Belastungen der Kranken- und Pflegekassen führen. Nicht unmittelbar, sondern nachgelagert. Daher lässt sich in der Tagespolitik gut verdrängen, dass in der Gesamtbetrachtung nichts gewonnen wird. Gesundheitspolitik ist eben weit mehr als nur ein Problem der Krankenkassen und ihrer Versicherten, der Ärzteschaft und ihrer Patienten. „Politik muss lernen, in Zusammenhängen zu denken und Probleme nicht allein von der Kostenseite aus zu betrachten“, sagt Falko Sniehotta. Sie muss immer den Einzelnen und das große Ganze betrachten. Sie muss als System ihre Wirkkraft in allen anderen Systemen erkennen.
Das Stiftungsprogramm Nouveaux horizons unterstützt Projekte zwischen Deutschland und Frankreich. In Netzwerktreffen (Bild) geht es um gegenseitiges Lernen und kreativen Austausch.
Bislang geschieht das kaum. Studien zeigen, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern Europas deutlich mehr Geld für das Gesundheitssystem ausgibt, in Rankings aber dennoch miserabel abschneidet. Ein Beispiel aus dem Country Health Profile 2025 Germany der OECD: Pro 100.000 Einwohner sterben in der Bundesrepublik jährlich 248 Menschen, deren Todesfälle durch Behandlung oder Prävention vermeidbar gewesen wären. In Frankreich sind es 162 Menschen. Der Bericht verweist darauf, dass es dort besser gelingt, Ärzteschaft, Gesundheitszentren und Krankenhäuser zu vernetzen, was für eine wirksamere Prävention sorge. In Deutschland liegt der Fokus vor allem darauf, Menschen zu behandeln, die bereits erkrankt sind. Daher haben die Deutschen im Vergleich zu anderen Ländern mehr Arztkontakte und verbringen mehr Zeit im Krankenhaus. Das ist teuer. Doch statt gegenzusteuern, fördert das System diesen Fokus durch ein Abrechnungssystem, das technische Leistungen wie Operationen oder Bildgebungen deutlich besser bezahlt als Beratungsgespräche. Die Folge zeigt sich zum Beispiel bei den deutschen Hüften: Pro 100.000 Einwohner werden in Deutschland doppelt so viele künstliche Gelenke eingesetzt (351) wie im internationalen Vergleich (172). Nicht alle dieser Hüftoperationen sind unbedingt notwendig.
Forschungen der Uni Tübingen zeigen, dass Krähen komplexe Informationsmuster erkennen und anwenden können. Sie besitzen Lernvermögen und Zahlenverständnis und sollen sogar über ein Bewusstsein verfügen.
Outcome und Wirkungsanalyse
Es ist daher als ein gutes Zeichen zu werten, dass Eva Winkler im Herbst 2025 über eine Anfrage staunte. Die Onkologin ist Professorin für Translationale Medizinethik an der Universität Heidelberg und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Sie forscht und arbeitet zu Ethik und Medizin, nun sollte sie Mitglied der „FinanzKommission Gesundheit“ werden, ins Leben gerufen von der damaligen Gesundheitsministerin Nina Warken. Der Auftrag an das Expertengremium: die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung zu stabilisieren, um zu verhindern, dass 2027 ein Defizit von 15 Milliarden Euro entsteht. „Mein erster Gedanke war: dass ich da als Ethikerin überhaupt gefragt werde“, erinnert sich Eva Winkler. Zugesagt hat sie dann doch schnell. „Ich forsche seit vielen Jahren im Bereich Gerechtigkeit im Gesundheitswesen, da wollte ich mich an dieser Stelle nicht drücken.“
Roboterschwärme lernen von Bienen kollektive Konsensfindung: Forschende des Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour, einem Exzellenzcluster an der Uni Konstanz, konnten den Robotern einfache, von den Insekten inspirierte Regeln beibringen. Diese helfen ihnen, klare gemeinsame Entscheidungen zu treffen.
Winkler fordert seit Langem, das sektorielle Denken im Gesundheitswesen aufzubrechen. Der OECD-Bericht zeigt klar: „Wir müssen weg vom Blick auf die Medizin als reinem Reparaturbetrieb.“ Für sie liegt hier der Hauptgrund für die hohen Kosten bei geringer Wirkung. „An Krankheiten herumzudoktern, bewirkt weniger, als auf vorausschauende Medizin zu setzen, die Gesundheit erhalten will.“ Diese Prävention jedoch findet primär gar nicht im Gesundheitssystem statt, sondern in anderen Sektoren. In Kitas und Schulen, in Kantinen, in Stiftungsprojekten. Auf politischer Ebene in den Ländern und Kommunen sowie in anderen Ministerien. „Dieses Denken in Sektoren ist aber ja nicht naturgegeben, sondern menschengemacht. Das kann weg!“
In Spanien entsteht ein landesweites Netzwerk an Klimaschutzräumen. Bei Hitze können Menschen etwa in klimatisierten und teils begrünten Bürgerzentren und Kulturinstitutionen (im Bild das „Refugio Climático“ im Círculo de Bellas Artes de Madrid) kostenlos Zuflucht finden.
Schnell hat Eva Winkler in der Kommission ihre Rolle gefunden. Sie sorgte mit dafür, dass im Gremium ethische Begründungen systematisch gestärkt wurden. Es entstanden 66 Empfehlungen, um das nötige Geld einzusparen. „Wir ordneten sie nicht nach dem finanziellen Hebel, sondern bewerteten, welche Maßnahmen Kosten vermeiden und gleichzeitig die Qualität und die Verteilungsgerechtigkeit verbessern.“ Ideen, die diese Anforderungen umfassend erfüllen, erhielten das Siegel A*. Ein Beispiel für eine Empfehlung dieser Art, die die Regierung angenommen hat: Bei planbaren Operationen, die in Deutschland verhältnismäßig häufig durchgeführt werden, muss vorher eine zweite ärztliche Meinung eingeholt werden. In die Kategorie A kamen Empfehlungen, die Kosten sparen, ohne dass die Qualität leidet. Hier sind die meisten Maßnahmen eingeordnet, Beispiele sind die Einführung einer Tabaksteuer oder Bürokratieabbau in Krankenhäusern. Kategorie B enthält Ansätze, die bei bestimmten Gruppen negative Auswirkungen haben könnten. „Wobei wir allein mit den Empfehlungen aus den Kategorien A* und A die 15 Milliarden bereits zusammenhatten“, sagt Winkler. Wo weiteres Einsparungspotenzial liegt?
Eine neue Software des Exzellenzclusters Maschinelles Lernen an der Uni Tübingen hilft Forschenden, die Komplexität des Gehirns zu erforschen und künstliche neuronale Netze zu trainieren.
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Mit dem Stiftungsprogramm Perspektive Donau entsteht entlang des Stroms ein Netzwerk von Menschen, das sich für nachhaltige Projekte in Bildung, Kultur und Zivilgesellschaft einsetzt – und für eine saubere Donau.
Zukunftslabor
Unsere Demokratie lebt vom Austausch. Das Programm Zukunftslabor für innovative demokratische Praxis fördert kreative Testräume, in denen Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Kommunen gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern nach Lösungen für Zukunftsfragen suchen. Es kann sich um Ideen zu Entbürokratisierung oder auch zum sozialen Miteinander handeln, die experimentell im jeweiligen Umfeld erprobt werden.