Feature
Gesundheit und das Netz des Lebens
Wer das Konzept von Planetary Health, der planetaren Gesundheit, ernst nimmt, sollte in großen Zusammenhängen denken und bereit sein, sich auf umfangreiche Umbaumaßnahmen im eigenen Handeln, Denken und vielleicht sogar Fühlen einzulassen. Dafür gibt es Vorbilder: alte und neue. Ein Streifzug.
Das Naturgemälde (Bild) von Alexander von Humboldt zeigt einen Querschnitt des Bergs Chimborazo mit verschiedenen Vegetationsstufen – es gilt als eine der ersten Infografiken der Welt. Humboldts Daten waren so präzise, dass dänische Forschende auf ihrer Grundlage feststellen konnten, wie der Klimawandel die Höhenlagen der Pflanzen in den Tropen verändert hat. Humboldt verstand bereits zu seinen Lebzeiten, dass menschliches Handeln das Klima verändern würde: „durch Fällen der Wälder, durch Veränderung in der Verteilung der Gewässer und durch die Entwicklung großer Dampf- und Gasmassen an den Mittelpunkten der Industrie.“
Kaum zu glauben, was dieser Mann schon alles auf dem Zettel hatte. Bereits vor 200 Jahren warnte Alexander von Humboldt (1769–1859) davor, den Regenwald abzuholzen. Er protestierte gegen den Anbau von Monokulturen und verstand, dass menschliches Handeln Auswirkungen auf das Erdklima haben würde. Der rastlose Naturforscher war um die halbe Welt gereist, hatte Monate im Dschungel Südamerikas verbracht und im Jahr 1802 in Ecuador sogar den Chimborazo fast bis zum Gipfel bestiegen, der damals als höchster Berg der Erde galt. Auf knapp 6.000 Metern sammelte Humboldt Gesteinsproben und führte Messungen durch – in eisiger Kälte, trotz Höhenkrankheit und zahlreicher Verletzungen, die er sich beim Aufstieg zugezogen hatte.
Auf der Forschungsexpedition durch Südamerika begann Humboldt, seine Ideen von der Natur als „lebendigem Ganzen“ zu entwickeln. Er stellte neue Verbindungen her: etwa zwischen Höhe, Temperatur, Pflanzenarten und Klimazonen. Für Humboldt war der Mensch eingebunden in das „Netz des Lebens“. Das Konzept, das wir als Ökosystem bezeichnen, geht auf ihn zurück. Dass wir heute in Begriffen wie Planetary Health denken können, ist auch dem ganzheitlichen Ansatz des preußischen Universalgelehrten zu verdanken. Weil wir es inzwischen gewohnt sind, Wechselwirkungen und Kreisläufe zu verstehen, leuchtet es ein, dass der Zustand des Planeten und die Gesundheit des Menschen miteinander in Beziehung stehen.
Mit dem Klimafonds BW bietet die Klimaschutzstiftung ein Finanzierungsinstrument für Projekte in den Bereichen Klimaschutz und Klimaanpassung. Naturbasierte Lösungen wie Agroforstmaßnahmen, die Wiedervernässung von Mooren oder der Waldumbau in klimaresiliente artenreiche Mischwälder wie in Hechingen, vereinen beides und sind daher besonders wirkungsvoll.
Folgen des „Menschenunfugs“
Humboldts deutliche Warnungen vor „Menschenunfug“, wie er die Abholzung der Ur- und Bergwälder nannte, konnten die Entwicklung nicht aufhalten. Immer stärker griff der Mensch in das natürliche Gefüge ein. Zwar erhöhte sich die Lebensdauer vieler Menschen, weil sich die Hygienebedingungen verbesserten und es Fortschritte in der Medizin gab. Gleichzeitig wurden im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung die Belastungsgrenzen des Planeten immer sichtbarer überschritten. Fest steht: Viele Auswirkungen unseres Verhaltens machen sich erst mit deutlicher Verzögerung bemerkbar. Mit voller Wucht werden Eingriffe des Menschen in das planetare Gleichgewicht erst zukünftige Generationen treffen. Aber schon heute spüren wir das Ausmaß der Folgen jedes Jahr deutlicher. Infolge des rasant fortschreitenden Klimawandels gibt es immer mehr Menschen mit Allergien und Atemwegserkrankungen. Todesfälle in Hitzewellen nehmen zu, allein in Deutschland gab es 16.300 Hitzetote im Sommer 2026 (siehe Gesundheit und Klima). Wasser wird knapp. Es wird höchste Zeit, die Wechselwirkungen zwischen dem Zustand des Planeten und der menschlichen Gesundheit deutlicher in den Fokus zu nehmen.
Pilotprojekt Kugelmoos: Auf einer Fläche von rund drei Hektar eines zuvor entwässerten Niedermoors bei Villingen-Schwenningen wird das Wasser durch den Bau mehrerer Sperren zurückgehalten und der vorhandene Bachlauf renaturiert. Durch die Vernässung können dort 2.800 Tonnen CO2 über 80 Jahre gebunden werden. Im Bild zu sehen: das angrenzende Schwenninger Moos.
„Besonders drastisch sieht man solche Zusammenhänge“, sagt Christian Schulz, Geschäftsführer der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) und habilitierter Anästhesist, „wenn man den übermäßigen Konsum tierischer Lebensmittel und die damit verbundene Industrialisierung der Landwirtschaft in den Fokus nimmt.“ Einerseits erhöht zu hoher Fleischkonsum das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes, andererseits führen intensive Nutztierhaltung und Futterproduktion zu hohem Flächen- und Wasserverbrauch, zu Artensterben und zu Belastungen für Böden, Wasser und Luft.
Christian Schulz versteht Planetary Health als „Metadisziplin“. Um die zahlreichen Wechselwirkungen zu verstehen, brauche es eine weite Perspektive: Einerseits müsse der ganze Planet in den Blick genommen werden, andererseits gebe es auch die mikroskopische Ebene: „Wenn beispielsweise untersucht werden soll, wie sich bestimmte Substanzen im Boden auf den Hormonhaushalt des Menschen auswirken.“ Zudem richtet sich der Blick in die Zukunft. Eine wichtige Aufgabe der Forschung sei es, sagt Schulz, „Entwicklungen zu prognostizieren, die eintreten werden, wenn wir so weiter machen“. Das Resultat ist eine wissenschaftlich basierte Aufforderung zu handeln.
Im Wald lässt der Stress nach. Der Puls verlangsamt sich, der Blutdruck sinkt, das Nervensystem entspannt sich. Im besten Fall ist das Gefühl, sich mit der Wildnis zu verbinden, ein ganzheitliches Erlebnis.
Der Adlerhorst im Nationalpark Schwarzwald: In der Baumkrone einer Weißtanne fühlt man sich in sieben Metern Höhe wie in einem Nest aus Holz geborgen, den Blick entspannt in den Himmel gerichtet. Die Aussichtsplattform ist nur zu Fuß über den Wildnispfad in Baiersbronn zu erreichen.
Netzwerken statt Silodenken
Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, für die Christian Schulz arbeitet, ist ein wachsendes Netzwerk. Fachleute und wissenschaftliche Einrichtungen beraten Regierungen, Kommunen, Krankenkassen, Ärztinnen und Ärzte zu Themen wie Umwelt- und Klimaschutz, Biodiversität und Klimafolgenanpassung, Ernährung und Resilienz. „Inzwischen schaffen wir es immer besser, dass Mediziner diese Themen in ihre praktische Arbeit mit den Patienten hineintragen“, sagt Schulz. In Form von Klimasprechstunden etwa, einer Beratungsleistung, die Baden-Württemberg als erstes Bundesland implementiert hat.
Ärztinnen und Ärzte sprechen mit ihren Patienten über Zusammenhänge, zum Beispiel darüber, warum Radfahren die Herzgesundheit verbessert und zugleich das Klima schont, Stichwort: Co-Benefits. Das beste Mittel, um Druck aus dem Gesundheitssystem zu nehmen, ist für Christian Schulz aber Prävention, gerade auch in Zeiten hohen Finanzdrucks: „Wir müssen vor die Welle kommen.“ Als Beispiel nennt der KLUG-Geschäftsführer die Umstellung auf eine pflanzenbetonte Ernährungsweise, die die Gesundheit des Menschen fördert und zugleich die Belastungsgrenzen des Planeten wahrt. „Wenn wir uns die massiven Ernteausfälle in diesem Hitzesommer anschauen, sind wir in der nächsten Rückkopplungsschleife“, sagt Schulz. Und die trifft auch Baden-Württemberg. Der Landesbauernverband spricht von der „schlechtesten Ernte der vergangenen 25 Jahre“: Wegen der enormen Hitze und Wasserknappheit war der Boden hart, was die Erträge massiv beeinträchtigte. Doch wie kann der Wandel hin zu einer gesunden und nachhaltigen Ernährung gelingen, die unser Klima schützt, Biodiversität erhält und die Wasserressourcen schont? Wie kann die Landwirtschaft zu Lösungen beitragen?
Die Klimaschutzstiftung fördert das Programm Wissen wachsen lassen des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord. Landwirte lernen bei Feldtagen, Exkursionen und Online-Seminaren, wie sie ihre Betriebe an den Klimawandel anpassen können, etwa mit Agroforstsystemen: Mit Bäumen und Hecken werden Äcker bewaldet. Das schützt vor Bodenerosion und Verdunstung, spendet Schatten und hilft, die Flächen zu kühlen.
Wie können diese Lösungen aussehen? Und was trägt die Baden-Württemberg Stiftung dazu bei? Lesen Sie das große Feature im Magazin. Hier kostenfrei bestellen.
Die Klimaschutzstiftung unterstützt auch den Erhalt von Streuobstwiesen. Sie verbinden landwirtschaftliche Nutzung mit großer Artenvielfalt und sind Heimat für unzählige Tier- und Pflanzenarten. Gleichzeitig sichern sie den Erhalt regionaler und alter Obstsorten.
Klimaschutzstiftung Baden-Württemberg
Die Klimaschutzstiftung Baden-Württemberg begleitet das Land auf dem Weg in eine klimafaire Zukunft. Sie unterstützt Menschen, Kommunen und Unternehmen dabei, ihre Emissionen zu reduzieren, ermöglicht Klimafinanzierungen und schafft Netzwerke, um Klimaschutz auf einer breiten Basis zu verankern.