Interviews
Gesundheit und Bewegung

10.000 Schritte soll ein Mensch täglich gehen, um gesund zu bleiben. Weniger bekannt ist, dass diese Regel in den 60er-Jahren eine japanische Firma erfand, die einen Schrittzähler vermarkten wollte. Doch liegt auch ein Quäntchen Wahrheit in dieser Empfehlung? Antworten von Susanne Kobel, Sportwissenschaftlerin an der Universität Ulm.

Sylvia Rizvi

Frau Professorin Kobel, wie viele Schritte sollte ein Mensch täglich gehen, um fit zu bleiben und Krankheiten vorzubeugen?

Die Empfehlung aus Japan ist gar nicht so schlecht. Bei Kindern und Jugendlichen sind 10.000 bis 12.000 Schritte gesundheitserhaltend. Bei Erwachsenen bis 60 Jahren gelten 8.000 bis 10.000 Schritte als ideal. Bei älteren Menschen sehen wir ab 6.000 Schritten gesundheitliche Effekte. Wer sich wenig bewegt, profitiert aber grundsätzlich von jedem Schritt mehr, den er macht.

Sie sind Leiterin des Programms Komm mit in das gesunde Boot, das Kindern unter anderem Kompetenzen in Sachen Bewegung vermitteln möchte. Warum ist es so wichtig, sich ausreichend zu bewegen?

Bewegung fördert und fordert unser Herz-Kreislauf-System sowie unseren Muskel- und Skelettapparat. Wenn wir Herz und Muskeln mehrmals täglich beanspruchen, bleibt unsere Leistungsfähigkeit erhalten. Bei moderater Intensität, Motto: „Laufen ohne zu schnaufen“, schüttet unser Körper Glückshormone aus, die unter anderem helfen, den Cortisolspiegel zu senken und damit Stress abzubauen. Ein aktiver Lebensstil wirkt zudem gut gegen Angstzustände oder Depressionen, präventiv wie therapeutisch. Und wenn Krankenhauspatienten zum Beispiel sechs Wochen vor geplanten OPs ein intensives Training absolvieren und danach ein moderates Bewegungsprogramm, haben sie eine höhere Chance, schneller wieder gesund zu werden.

Laut Studien bewegen sich Kinder und Jugendliche im Smartphone-Zeitalter immer weniger. Das klassische Spielen im Freien hat abgenommen.

Ja, Kinder nutzen viel zu früh Bildschirmmedien. Dabei können sie bis zum Alter von drei Jahren keine bewegten Bilder auflösen, ihr Gehirn wird überfordert. Im Extremfall kann dies zu Depressionen führen. Zudem sollten Kinder gar nicht erst ans lange Sitzen gewöhnt werden. In den vergangenen Jahren haben Kinder massive motorische Defizite entwickelt, zudem sehen wir Haltungsschäden und Übergewicht. Viele Kinder sind reizüberflutet, was zu Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen führen kann. Oft wissen sie nicht, wie sie ihre Freizeit ohne Smartphone oder Tablet verbringen können.

Ob Pingpong oder Gymnastik: Wer regelmäßig Sport treibt, verlängert statistisch gesehen sein Leben. Wie gesund der einzelne Mensch lebt, hängt zum Großteil vom eigenen Lebensstil ab, nicht von Genen.

Welche Art von Bewegung empfehlen Sie?

Die, die Spaß macht! Erwachsene sollten sich 150 bis 300 Minuten in der Woche moderat bis intensiv bewegen, etwa schwimmen, walken, Fahrrad fahren. Kinder ab dem Grundschulalter sollten dies idealerweise 60 bis 90 Minuten am Tag schaffen – jüngere Kinder sogar 180 Minuten – und zum Beispiel klettern, radeln, Verstecken spielen.

Die Menschen in Deutschland bewegen sich trotz Aufklärungskampagnen nicht mehr als vor 20 Jahren. Warum ist das so?

Aufklärung und Wissen sind gut. Aber sie sind nur der erste Schritt. Wichtig ist im zweiten Schritt, Bewegung in den Alltag zu integrieren. Hier sehe ich die Gesellschaft in der Verantwortung. Wir brauchen eine Umgebung, die nicht das Sitzen, sondern die Bewegung priorisiert und Bewegung leicht macht. In Skandinavien haben zum Beispiel auf den größten Straßen nicht die Autos den Vorrang, sondern Fahrräder. In Deutschland fallen geschätzt 20 bis 30 Prozent der Sportstunden aus. In Dänemark dagegen gibt es das Fach Idræt, das täglich 45 Minuten Bewegung integriert und in der Regel nicht ausfällt, weil es in den Alltag eingebettet ist: Vereine führen das Angebot durch, das an keine festen Hallenzeiten gebunden ist und auch in der Natur stattfinden kann.

Also mehr Bewegung in den Alltag integrieren?

Absolut. Und es tut sich ja was. Kommunen machen schnell umsetzbare, kostengünstige Angebote wie zum Beispiel „Sport umsonst und draußen“. Private Initiativen treffen sich zum Waldlauf. Firmen bieten bewegte Mittagspausen oder fördern das Fahrradfahren mit Stellplätzen oder dem JobBike-Angebot. Wichtig sind das Umdenken und Priorisieren: bewegen statt sitzen! Durch den rechtlichen Anspruch auf einen Ganztagsplatz an Grundschulen haben wir weitere Möglichkeiten, Kinder in Bewegung zu bringen. Sich im Alltag mehr zu bewegen, hilft uns als Gesellschaft auch dabei, uns gegen den Klimawandel zu wappnen.

Inwiefern?

Ein Beispiel: Wenn es weniger asphaltierte Straßen und mehr Grünflächen in der Stadt gibt, ist es schon weniger heiß und wir haben etwas für das Klima getan. Gleichzeitig steigt die Bewegungsqualität der Menschen, weil sie sich auf grünen Flächen deutlich lieber bewegen als auf einer heißen Straße.

Susanne Kobel leitet am TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) der Universität Ulm das Programm Komm mit in das gesunde Boot. Es unterstützt Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte mit Fortbildungen und praxiserprobten Materialien, um Kinder im Alter bis zu zehn Jahren in deren Gesundheitsverhalten zu stärken. Das Programm wurde von der Baden-Württemberg Stiftung initiiert und wurde von 2007 bis Juli 2025 von ihr finanziert. Zum 1. August 2025 wurde es an die Universität Ulm übergeben.


Wenn jemand weiß, wie man Kinder in Bewegung bringt, ist es Christine Dorer. Die ehemalige Fußballerin beim Bundesligisten SC Freiburg ist heute engagierte Jugendtrainerin und Vorstandssprecherin der Badischen Sportjugend Freiburg (bsj). Ein Gespräch darüber, warum Sport Kinder stark macht – und was Ehrenamtliche und Sportvereine brauchen.

Frau Dorer, sind Kinder eher bewegungsfaul oder bewegen sie sich gern?

Kinder haben einen Bewegungsdrang von klein auf. Sonst würden sie ja das Laufen gar nicht lernen. Bewegung sollte gefördert werden, sie trägt zur ganzheitlichen Entwicklung bei und stärkt zudem das Selbstbewusstsein.

Im Zeitalter von Smartphone und Tablet sitzen die Kinder dennoch zu viel.

Leider bewegen sich Erwachsene selbst nicht mehr so gern oder nehmen sich keine Zeit dafür. Das spiegelt sich bei den Kindern wider. Die Eltern kommen von der Arbeit und wollen mehr oder weniger ihre Ruhe. Dann gibt man halt den Kindern die Möglichkeit, sich digital zu beschäftigen.

Welche Anreize locken Kinder, das Smartphone zur Seite zu legen?

Wenn Eltern das vorleben und mit den Kindern Fahrrad fahren oder ins Schwimmbad gehen, kommen die Kids gern mit. Wenn man dann noch ein bisschen Spaß mit reinbringt, ist jedes Kind dabei. Sportvereine können Eltern dabei unterstützen, die Bewegung ihrer Kinder zu fördern. Viele Vereine machen Kindern niedrigschwellige Angebote. Zudem bieten sie Schnuppertage oder Tage der offenen Tür, sodass Kinder Sportarten kennenlernen können. Eltern sollten ihre Kinder ermutigen, in den Sportverein zu gehen.

Nicht alle Eltern haben Sportvereine im Blick. Studien besagen sogar, dass Kinder von finanziell schlecht gestellten Eltern generell weniger Sport treiben. Woran liegt das?

Zum Teil fehlen den Eltern die Informationen, bei Familien mit Zuwanderungsgeschichte kommen sprachliche Hürden dazu. Um diese Familien zu gewinnen, ist es wichtig, dass wir als Sportvereine mit Schulen zusammenarbeiten. Dort erreichen wir alle Kinder – und damit auch die Eltern. Als Sportvereine wollen wir unsere erfolgreiche Zusammenarbeit mit Schulen weiter verbessern.

Seit Ende Oktober 2020 können die Beschäftigten des Landes Baden-Württemberg über JobBike BW ein Fahrrad oder E-Bike leasen. Mehr als 40.000 Job-Bikes wurden im August 2026 bereits genutzt.

Wie kommen Kinder dadurch an kostengünstige Sportangebote?

Eltern erfahren etwa, dass man auf dem Land teilweise schon mit einem Familienbeitrag ab 30 Euro im Jahr Mitglied im Sportverein sein kann. Dann sind die Kosten vielleicht kein Hindernis mehr. In der Stadt dagegen können schon mal 150 bis 200 Euro Jahresbeitrag anfallen. Das ist zwar auf die Trainingsstunden runtergerechnet sehr günstig, aber nicht alle können sich das leisten. Hier können zum Beispiel kostenfreie Angebote von Kommunen helfen, etwa Bolzplätze zum Kicken oder Bewegungsangebote, oft unterstützt von Vereinen und anderen Partnern. So erreichen wir auch Kinder in Brennpunkten.

Warum ist es so wichtig, alle Kinder zu erreichen?

Im Verein wird Gemeinschaft gelebt, es entstehen gemeinsame Interessen und Aktivitäten. Im Skilanglauf-Verein, in dem ich aktiv bin, binden wir die Eltern sehr stark ein. Das ist unser Erfolgsrezept. Wir haben enormen Zulauf. Außerdem schließen die Kinder im Verein Freundschaften und können durch Sport Stress abbauen. Der optimale Einstieg ist im Kindergarten- und Schulalter.

Spielen auch Trendsportarten eine Rolle?

Ja, viele Vereine stellen ihr Angebot breiter auf. Einige bieten inzwischen eine Palette an Sportarten an. Und wenn ein Sportverein Trendsportarten im Blick behält, erreicht er nochmal mehr Kinder. All dies darf nicht an fehlenden finanziellen Ressourcen scheitern.

Was brauchen Sportvereine, um gut arbeiten zu können?

Wir haben in Baden-Württemberg das Glück, dass es den Solidarpakt gibt, mit dem unser Land Sportvereine und -verbände von 2027 bis 2031 mit rund 600 Millionen Euro fördert. Aber es darf vor Ort keinen Stillstand geben. Wir brauchen moderne Sportstätten und eine gute Infrastruktur. Vereine müssen sich kontinuierlich weiterentwickeln. Auch wäre es hilfreich, wenn die Politik Vereine bei der zeitraubenden Bürokratie entlasten würde: Wir Ehrenamtlichen wollen ja vor allem Zeit haben, um mit den Kindern zu arbeiten. Das ist es, was uns am Herzen liegt. Nicht zuletzt sollten Schulen dem Sport eine größere Rolle einräumen und weniger Sportunterricht ausfallen lassen. Das wäre ein wichtiges Signal.

Vom Fußballplatz an die Verbandsspitze: Christine Dorer spielte in der Bundesliga beim SC Freiburg Fußball. Heute ist die Mutter dreier Kinder Vorstandssprecherin der Badischen Sportjugend (bsj) und setzt sich für die Interessen von über 400.000 Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen bis 26 Jahre ein, die in südbadischen Sportvereinen organisiert sind. Sie trainiert regelmäßig Kinder in Fußball und der Ausdauersportart Skilanglauf und ist Referentin für den Spitzensport an der Hochschule Furtwangen.

Leseförderung mit Ball und Buch: Das Programm kicken & lesen weckt über das Fußballspielen die Begeisterung von Jungen und Mädchen fürs Lesen. Der Höhepunkt: das zweitägige Fußball-Camp beim VfB Stuttgart, bei dem viel gespielt und auch gelesen wird.

Kicken und Lesen

1:0 fürs Lesen! Das Programm kicken & lesen weckt über die Leidenschaft für Fußball das Interesse von Jungen und Mädchen am Lesen. Neben der Begeisterung für Bücher und Bewegung werden wichtige soziale Kompetenzen gefördert: Teamgeist, Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz. Für eine gute und gesunde Zukunft der Kinder.

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