Stilisierte Illustration einer sonnigen Landschaft mit Hügeln, einem kleinen Haus und einem Auto. Im Mittelpunkt steht ein großes, weiß-grünes Objekt auf einem Hügel, das von starken Sonnenstrahlen angestrahlt wird.

Portraits
Was ist eigentlich Gesundheit? Und was Planetary Health?

Unsere Lebensweise beeinflusst die Gesundheit des Patienten Erde – und die Erde wirkt zurück. Auch unsere politische und soziale Umgebung prägt unser körperliches und seelisches Wohlbefinden. Doch wann gilt ein Mensch überhaupt als gesund – und wann der Planet? Acht Expertinnen und Experten und ihr persönlicher Blick.

Isabel Stettin

Für mich ist Gesundheit etwas Dynamisches. Als Evolutionsökologin kann ich sie nicht losgelöst von der Umwelt betrachten.
Simone Sommer

Biodiversitätsschutz ist Gesundheitsvorsorge.

„Gesundheit bedeutet, dass ein Organismus in der Lage ist, auf Veränderungen seiner Umwelt zu reagieren und sein Wohlbefinden auch unter Belastung möglichst zu erhalten. Ein Wildtier kann Krankheitserreger in sich tragen, ohne selbst zu erkranken. Ein Grund dafür ist die genetische Vielfalt innerhalb einer Population: Je größer sie ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Tiere Krankheitserreger erfolgreich abwehren können. Das macht die gesamte Population widerstandsfähiger. Auch ein vielfältiges Mikrobiom hilft dem Körper, Belastungen besser zu bewältigen.

Biologische Vielfalt ist zudem entscheidend für die Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen. Biodiversitätsschutz ist deshalb zugleich Gesundheitsvorsorge. Das zeigen unsere Forschungsergebnisse aus Ghana: Wenn der Lebensraum von Fledermauskolonien durch Waldrodung und landwirtschaftliche Nutzung schrumpft, gewinnen jene Arten die Oberhand, die häufiger Coronaviren übertragen. Gesundheit beginnt nicht erst in der Arztpraxis, sondern bereits bei der Gestaltung unserer Umwelt.“

Simone Sommer leitet das Institut für Evolutionäre Ökologie und Naturschutzgenomik an der Universität Ulm und zählt international zu den führenden Stimmen im Bereich EcoHealth. Die Biologin erforscht den Zusammenhang von Biodiversität, Ökologie und Gesundheit.

Gesundheit ist für mich nichts Absolutes. Was für den einen zu wenig wäre, kann für den anderen
schon zu viel sein.
Alexander Kleger

Bedeutsam ist der Kontakt zu Menschen.

„Für mich heißt Gesundheit: in jedem Alter tun zu können, was mir Freude macht. Wer sich als Arzt täglich mit Krebs beschäftigt, entwickelt ein gewisses Damoklesschwert-Gefühl – auch mehrere Krebserkrankungenin meiner Familie haben mich in die Krebsmedizin geführt. Meinen Patienten habe ich immer geraten:Versuchen Sie so lange wie möglich, das zu tun, was Sie zuvor gemacht haben. Wenn der 10-Kilometer-Lauf nicht mehr geht, dann eben der tägliche Spaziergang. Ebenso wichtig ist der Kontakt zu den Menschen, die einem etwas bedeuten.

Nach Jahren frustrierend langsamer Fortschritte erleben wir in der Forschung zum Bauchspeicheldrüsenkrebs eine hoffnungsvolle Phase: Der zentrale Krebstreiber galt jahrzehntelang als medikamentös kaum angreifbar. Neue Wirkstoffe könnten das Feld revolutionieren. Stolz bin ich darauf, dass unsere Forschung dazu beiträgt, diese Erkrankung besser zu verstehen und dieses Wissen anschließend in personalisierte Therapien zu übersetzen. Mein Wunsch ist, dass wir Bauchspeicheldrüsenkrebs irgendwann zu einer langfristig kontrollierbaren, chronischen Erkrankung machen können.“

Alexander Kleger leitet das Institut für Molekulare Onkologie und Stammzellbiologie am Universitätsklinikum Ulm sowie die Sektion Interdisziplinäre Pankreatologie. Für seine Forschungzu frühen Sta­dien des Pankreaskarzinoms erhielt er 2023 den Deutschen Krebspreis für experimentelle Forschung.

Wir sind Lebewesen, die vollständig auf ihre Umgebung angewiesen sind. Was wir heute an Umweltveränderungen erleben, ist wahrscheinlich erst der Anfang.
Eileen Furlong und Detlev Arendt

Gesundheit zu schützen, heißt, die Umwelt zu schützen.

„Gesundheit bewegt sich in einem Dreieck: subjektives Empfinden, genetische Information und Umwelt. Kein Organismus existiert isoliert, sondern im Zusammenspiel mit unzähligen anderen. In meiner Forschung untersuche ich, wie Umweltfaktoren Gene beeinflussen. Viele medizinische Werkzeuge, etwa die Genschere, entstanden aus Grundlagenforschung, deren Bedeutung niemand vorhersehen konnte“, sagt die Molekularbiologin Eileen Furlong vom Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie.

Dort forscht auch Detlev Arendt. Der Biologe untersucht die Evolution der Tiere und die molekulare Evolution von Zelltypen: „Körper, Mikrobiom, mentales Wohlbefinden, alles beeinflusst unser Immunsystem und unsere Vitalität. Unsere Umgebung aber verändert sich dramatisch: durch den Klimawandel, den Verlust an Biodiversität, die Zunahme fremder Arten. Es gibt immer mehr Pflanzen, die Allergien übertragen. Im Sommer haben wir schon über 41 Grad. Die Wissenschaft liefert die Daten längst, doch der CO2-Anstieg hält unvermindert an.“

Eileen Furlong leitet seit 2009 die Abteilung für Genombiologie am Europäischen Laboratorium für Mo­lekularbiologie (EMBL) in Heidelberg. Die Leibniz-Preisträgerin 2022 erforscht, gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung, wie genetische Mutationen zu Erkrankungen führen können. Detlev Arendt ist Zoologe und Mole­ku­larbiologe. Seit 2003 ist er Laborleiter am EMBL. Seine Hauptfor­schungsgebiete sind die Evolu­tion der Tiere und die mo­lekulare Evolution von Zelltypen.

Gesundheit heißt, einen Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit zu finden. Sie ist für mich eine
Fähigkeit, kein Besitz.
Giovanni Maio

Gesundheit entsteht im Leben selbst.

„Der Mensch ist ein leibseelisches Wesen. Immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, wie eng seelische und körperliche Prozesse miteinander verwoben sind. Für mich hat Gesundheit deshalb etwas mitGanzheit zu tun: mit der Fähigkeit, das Ganze der eigenen Existenz in Balance zu halten. Gleichzeitig kann kein Mensch allein aus sich selbst heraus gesund bleiben. Gesundheit entsteht im Leben selbst – in der Art, wie wir mit uns, unseren Grenzen und unserer Umgebung in Beziehung stehen.

Der Mensch ist immer in seine Lebensverhältnisse eingebettet und braucht günstige äußere Bedingungen. Eigenverantwortung kann deshalb nur dort gedeihen, wo sie von sozialer Verantwortung getragen wird. Eine Gesellschaft muss Menschen in schwierigen Lebenslagen unterstützen und ihnen Freiräume schaffen, damit sie ihre Verantwortung überhaupt wahrnehmen können. Das gilt für mich aber nicht nur innerhalb unserer Gesellschaft. Gesundheit ist immer auch eine Frage der Bedingungen, unter denen Leben möglich ist. Die Welt ist etwas Kostbares, das wir für kommende Generationen bewahren müssen.“

Giovanni Maio hat den Lehrstuhl für Medizinethik an der Albert- Ludwigs-Universität Freiburg inne und leitet das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin. Er ist Mitglied des Ausschusses für ethische und juristische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer.

Wir sollten nicht nur darauf schauen, ob wir selbst gesund sind, sondern auch, wie es den Menschen und
Tieren um uns herum geht – und welche Umwelt wir hinterlassen.
Marie Weber

Gesundheit und Freiheit gehören zusammen.

„Als Kind habe ich über Gesundheit nicht nachgedacht. Das hat sich während Corona verändert. Freunde treffen war nicht selbstverständlich, die Großeltern durfte ich nicht besuchen. Da war die Frage: Bin ich vielleicht krank, stecke ich jemanden an? Seitdem schätze ich Gesundheit und Freiheit viel mehr. Für mich gehört beides zusammen. Heute betrachte ich Gesundheit ganzheitlicher: Körper, Psyche, soziale Kontakte und das Umfeld spielen eine Rolle.

Während meines Freiwilligen Sozialen Jahres auf der Kinderintensivstation habe ich erlebt, wie viele Menschen krank sind – und wie wenig wir davon im Alltag mitbekommen. Gleichzeitig frage ich mich, wie Umwelt und Gesundheit zusammenhängen: Wie wirkt sich zum Beispiel Mikroplastik auf unsere Gesundheit aus? Eigentlich wollte ich seit dem Kindergarten Zahnärztinwerden. Da es in Deutschland nur wenige Studienplätze für Zahnmedizin gibt, studiere ich jetzt Wirtschaftsingenieurwesen. Vielleicht kann ich damit Maschinen und Anlagen entwickeln, die zu einem gesunden Leben beitragen.“

 

Marie Weber studiert Wirtschaftsingenieurwesen in Aalen. Für ihre Lüftungsanlage für Schulen nach dem Baukastenprinzip erhielt sie im Jahr 2021 den Artur Fischer Erfinderpreis; mit ihrem Ocean Cleaner gegen Plastikmüll im Meer nahm sie ebenfalls am Wettbewerb teil. Der Preis geht auf Artur Fischer und die Baden-Württemberg Stiftung zurück.

Gesundheit ist für mich ein Zustand des Seins mit Optionen und Potenzialen. Sie ist für mich kein Mangel-, sondern ein Möglichkeitsbegriff, eine vitale Ressource.
Stefan Selke

Der Mensch ist kein Health Score.

„Wir leben in einer erschöpften Welt, die unbeherrschbar geworden ist. Nur der eigene Körper, die eigene Lebensführung wirken noch kontrollierbar. Aus dieser Illusion zieht die Selbstvermessungskultur ihre Kraft. Dabei sind Zahlen zunächst nur Beschreibungen. Bei der Selbstvermessung aber werden aus deskriptiven Werten normative: ‚Du sollst 10.000 Schritte gehen.‘ Woher solche Erwartungen kommen, wissen wir oft gar nicht. Ich habe zu Krankenkassen-Tarifen geforscht, bei denen Versicherte ihre Trackingdaten abgeben und dafür Boni bekommen. Da löst sich der Solidaritätsgedanke langsam auf.

Am Ende teilt es Menschen ein in solche mit den richtigen und solche mit den falschen Werten. Unser Menschenbild verschiebt sich leise: Es basiert nicht mehr auf einem gemeinsamen Kern, sondern zunehmend auf Abweichungen. Liebe wird gemessen, Schlaf, Beziehungsqualität – alles, was eigentlich organisch und ein Stück weit unerklärlich ist, verdichtet sich zu einem einzigen Health Score. Dann wird aus der Vielschichtigkeit des Menschen eine Zahl, anhand derer wir beurteilen, wie ‚gesund‘ jemand lebt. Das ist eine Verarmung der Lebendigkeit.“

Stefan Selke lehrt seit 2008 Gesellschaftlicher Wandel an der Hochschule Furtwangen und ist aktuell Forschungsprofessor für Transformative und Öffentliche Wissenschaft. Er gründete das Public Science Lab, das Methoden und Theorien öffentlicher Wissenschaft vermittelt.

Solange alles funktioniert, erscheint Gesundheit selbstverständlich. Erst wenn Krankheit einem diese Möglichkeiten nimmt, merkt man, was einem fehlt.
Marion Schmid

Krankheit ist oft der Ausnahmezustand.

„Ich habe mein Berufsleben in der Pflege verbracht. Medizinisch hat sich viel verändert, der Mensch ist derselbe geblieben. Er möchte ernst genommen werden, seine Würde wahren. Empathie, das Gefühl, dass jemand wirklich hinschaut, bedeutet viel für kranke Menschen. Für mich als Pflegekraft ist eine Krankheit Alltag, für den Menschen vor mir oft der Ausnahmezustand. Dabei hat sich die Erwartungshaltung verändert: Viele kommen mit fertiger Selbstdiagnose. ‚Sie haben den Doktor Google gefragt‘, sage ich dann.

Aber Krankheit funktioniert nicht auf Knopfdruck. KI kann nicht das menschliche Gegenüber ersetzen, das einen berührt, einem das Gefühl gibt: Du bist nicht allein. Wenn ich heute auf den Klimawandel schaue, denke ich an eine Zeitschrift meiner Mutter: Ein Forscher hatte gezeichnet, wie unsere Rheinebene mal aussehen könnte: erst grün, dann trockener, schließlich mit Palmen und Sand. Damals schien das weit weg. Heute denke ich daran, wenn ich Bilder von Booten sehe, die auf dem Trockenen liegen. Die veränderte Umwelt wird uns vor neue Herausforderungen stellen.“

Marion Schmid, 70, war 52 Jahre lang Krankenschwester am Klinikum Freudenstadt und ist heute Patientenfürsprecherin. Sie engagiert sich beim Deutschen Roten Kreuz, ist Kreissozialleiterin, Demenzbotschafterin und weiß, was es bedeutet, Menschen durch den medizinischen Apparat zu begleiten.

Werkstattgespräch Planetary Health

Die Veranstaltungsreihe Werkstattgespräche schafft einen offenen Raum, in dem sich Fachleute nicht nur interdisziplinär austauschen können, sondern auch zielorientiert zu unterschiedlichen Themen arbeiten – zum Beispiel zum Thema Planetary Health. Das Konzept beschreibt die enge Verflechtung zwischen der Gesundheit des Menschen und dem Zustand der natürlichen Systeme unserer Erde. Im Werkstattgespräch Planetary Health hat die Stiftung mit Expertinnen und Experten erörtert, wie die Forschung gemeinsam mit Wirtschaft, Politik und Praxis neue Wege finden kann, um dieser komplexen Herausforderung wirksam zu begegnen.

bwstiftung.de/planetary-health