Ein Glossar

Gesundheit und Planetary Health

Planetary Health, GeoHealth, Public Health – blickt da noch jemand durch? Ein Glossar voller Basiswissen rund um die wichtigsten Zusammenhänge und Begriffe. Von Anthropozän bis Zombiefeuer.

Leon Scherfig

Anthropozän

Anthropozän, wörtlich das „Zeitalter des Menschen“, ist die Bezeichnung, die Fachleute für unsere heutige Erdepoche verwenden, benannt nach ihrem prägenden Faktor: dem Menschen selbst. Wir formen und verändern Atmosphäre, Ozeane, Böden, Klima, Biosphäre – und sind zur wichtigsten Gestaltungskraft auf dem Planeten geworden. Mit Risiken und Nebenwirkungen.

Antibiotika-Resistenzen
Sprüht man immer wieder dasselbe Insektengift, sterben zunächst die meisten Schädlinge, ein paar widerstandsfähige Exemplare aber überleben und vermehren sich. Nach einigen Generationen entsteht eine Population, gegen die kein Gift mehr etwas ausrichtet. Das passiert auch bei Antibiotika-Resistenzen: Bakterien, die einen Wirkstoff überleben, geben ihre Widerstandskraft weiter, bis das Medikament nicht mehr wirkt. Höhere Temperaturen begünstigen das Wachstum vieler Bakterien und den Austausch von Resistenzgenen.

Biodiversität

Beim Jenga ziehen die Spieler nach und nach einen Baustein aus dem Turm, ohne dass er sofort einstürzt. Eine Weile scheint alles stabil. Doch irgendwann reicht ein einziger Zug und der Turm bricht zusammen. Biodiversitätsverlust funktioniert nach demselben Prinzip: Ökosysteme können eine gewisse Zeit lang Artenverluste kompensieren, doch ab einem bestimmten Punkt kippt das gesamte System – oft plötzlicher als erwartet. Beispiel Landwirtschaft: In den letzten 100 Jahren sind laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen rund 75 Prozent der weltweit angebauten Kulturpflanzensorten verlorengegangen.

CO-Benefits

Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt statt mit dem Auto, spart CO2 und bewegt sich zugleich, wovon wiederum das Herz-Kreislauf-System profitiert. Zwei Fliegen, eine Klappe. Das lässt sich auf vielen Ebenen durchspielen: Vegetarische Ernährung ist gut für die Gesundheit und verursacht zugleich weniger Emissionen. Eine gute Dämmung sorgt für mehr Wärme und weniger Energieverbrauch. Bäume in Städten senken die Temperatur und nehmen zusätzlich CO2 auf.

Environmental Justice

Zu Deutsch: Umweltgerechtigkeit. Der Begriff bezeichnet die Einsicht, dass Umweltbelastungen weltweit ungleich verteilt sind und meist ärmere und marginalisierte Menschen sowie ethnische Minderheiten betroffen sind. Ein Beispiel: Studien des Umweltbundesamts zeigen, dass hierzulande Menschen in einkommensschwachen Vierteln deutlich stärker durch Feinstaub, Verkehrslärm und fehlende Grünflächen belastet sind als Bewohner wohlhabender Stadtteile. Und das, obwohl sie am wenigsten zu diesen Belastungen beitragen. Umweltschutz ist auch eine Frage der Gerechtigkeit.

Geohealth

Push-Nachrichten auf dem Handy können nerven. Sie bewahren uns aber auch davor, pitschnass beim Geschäftstermin zu erscheinen, wenn die Wetter-App vor Regen warnt. Digitale Helfer können sogar die Gesundheit schützen helfen: „Hitzewelle steht bevor. Trinken nicht vergessen!“ Solche Appelle verknüpfen geografische Umweltdaten mit gesundheitlichen Risiken. Hitze, Luftverschmutzung, Waldbrände: Der Planet krankt und das hat medizinische Folgen für uns Menschen. Das Forschungsgebiet GeoHealth sucht Lösungen.

Hitzeinseln

Stuttgart ist der deutsche Musterfall: Durch die Kessellage heizt sich die Stadt im Sommer auf wie ein Backofen; wo Frischluftschneisen verlaufen, darf nicht gebaut werden. Beton, Asphalt und dunkle Dächer speichern die Sonnenwärme und geben sie nachts ab. Wenn Bäume und Wasser fehlen, verstärkt sich der Effekt. In diesen Hitzeinseln kann es nachts bis zu 10 Grad wärmer sein als auf dem Land. Je mehr konventionelle Klimaanlagen drinnen laufen, desto stärker heizt sich die Stadt draußen auf – durch die Abwärme der Geräte.

Insekten als Nahrung

Wie wäre es mal mit einem Rührei-Spezial? Man nehme dicke, weiße Holzbohrmaden, brate sie in einer Pfanne ohne Öl, bis die Haut aufplatzt und schön knusprig wird. Das Innere wird cremig wie geschmolzener Käse, kräftig rühren, mit Schnittlauch garnieren – fertig ist das Frühstücks-Omelett. Was in Mitteleuropa als exotisch gilt, ist weltweit Alltag: Rund zwei Milliarden Menschen essen regelmäßig Insekten als Fleischalternative. Das soll Ressourcen schonen. Noch besser für den Planeten ist aber eine pflanzliche Ernährung.

Intergenerationale Gerechtigkeit

Am 24. März 2021 machten die Richter des Bundesverfassungsgerichts aus einer philosophischen Idee ein Grundrecht: Eine Generation darf nicht große Teile des CO2-Budgets verbrauchen, wenn damit den nachfolgenden Generationen eine radikale Reduktionslast überlassen würde. Intergenerationale Gerechtigkeit ist damit in der Verfassung verankert. Was wir heute tun oder unterlassen, darf den Handlungsspielraum künftiger Generationen nicht zerstören. Neun junge Menschen hatten gegen das Bundes-Klimaschutzgesetz geklagt. Ihre Forderung: Die Politik muss handeln.

Keystone-Arten

Der Keystone ist in der Architektur der Schlussstein im Scheitel eines Bogens: Fehlt er, bricht die ganze Konstruktion zusammen. In der Ökologie prägte der US-Zoologe Robert Paine den Begriff mit einem Experiment, das heute keine Ethikkommission mehr durchließe: An einem Strand im US-Bundesstaat Washington entfernte er regelmäßig die Seesterne aus der Gezeitenzone. Ohne den Fressfeind übernahmen Miesmuscheln – und die lokale Biodiversität brach ein. Keystone-Arten sind der wichtige Schlussstein ihres Ökosystems.

Kipppunkte

Mal angenommen, zwei ähnlich schwere Kleinkinder sitzen auf einer Wippe und bewegen sich nicht: Dann bleibt das Spielgerät im Gleichgewicht. Stößt sich eines mit den Füßen ab, geht es auf und ab, auf und ab. Der Spaß funktioniert nur, weil die Wippe ständig physikalische Kipppunkte erreicht und das System umschlägt: Die Bewegung ist nicht mehr aufzuhalten. Schmelzen der grönländische Eisschild oder die Permafrostböden in Sibirien, steigt der Meeresspiegel und die Erde erwärmt sich – unaufhaltsam – immer schneller. Kipppunkte, die alles andere als ein Kinderspiel sind.

Klima und Wetter

„Climate is what you expect, weather is what you get“: Der Science-Fiction-Autor Robert H. Heinlein brachte den Unterschied gut auf den Punkt. Dass es heute in Mannheim regnet, ist Wetter. Dass Mannheim sich – laut offizieller Stadtklimaanalyse – seit Messbeginn um rund 2 Grad erwärmt hat, ist Klima. Wetter ist die Tageslaune der Atmosphäre, Klima ihr Charakter – gemessen über Jahrzehnte.

Landnutzungswandel

Erstaunlich, warum dieser Begriff nicht viel mehr Aufmerksamkeit bekommt. Denn nicht der Klimawandel ist der größte Treiber des Artensterbens und des Biodiversitätsverlusts, es ist die Landnutzung, urteilte 2019 der Weltbiodiversitätsrat. Rund 75 Prozent der eisfreien Landoberfläche der Erde sind menschlich verändert: Wälder werden zu Ackerland, Ackerland wird zu Siedlung, Wiese zu Autobahn. Die Zahl der Streuobstbäume ist im Südwesten seit den 60er-Jahren von rund 18 Millionen auf rund 7,1 Millionen Bäume zurückgegangen. Wo der Streuobstanbau durch ein Haus ersetzt wird, verschwinden auch Vögel, Insekten und alte Obstsorten.

Ökosystemleistungen

Quasi das Bruttoinlandsprodukt der Natur. Die Natur arbeitet mehr als die gesamte Weltwirtschaft, nur bezahlt sie niemand. Ökosystemleistungen sind alle Dienste, die die Natur dem Menschen kostenlos zur Verfügung stellt: Trinkwasser, Bestäubung, Klimaregulierung, Bodenbildung, Erholung. Wie wertvoll das ist, zeigt eine Zahl: Allein die Bestäubungsleistung wilder und gehaltener Insekten wird weltweit auf über 500 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Planetary Health

Der Nachbar von nebenan ist ein Schatz. Geht es in den Urlaub, gießt er die Blumen, sorgt dafür, dass die Balkonpflanzen keinen Sonnenbrand bekommen, lüftet ordentlich durch. Kurzum: Er sorgt für optimale Bedingungen. Ähnlich ist es mit uns Menschen und unserer Umwelt: Wir sind eingebettet in ein größeres System und wenn dieses System krankt – verschmutzte Luft, sterbende Wälder, kippende Klimazonen –, dann kränkeln wir mit. Planetary Health nimmt genau diese Verbindung ernst und fragt: Wie sorgen wir für Lebensbedingungen, die Mensch und Erde zugleich guttun?

Public Health

Im Jahr 1854 wütet die Cholera in London. Der Arzt John Snow kartiert die Todesfälle und stellt fest: Sie häufen sich rund um eine Wasserpumpe in der Broad Street. Snow lässt den Hebel der Pumpe abmontieren – und mit dem Wasser versiegt auch die Epidemie. Eine undichte Abwassergrube hatte das Grundwasser verunreinigt. Es ist die Geburtsstunde der Public Health, der öffentlichen Gesundheit: Es geht um die Wissenschaft und Praxis, Krankheiten zu verhindern, menschliches Leben zu verlängern und die Gesundheit aller durch organisierte gesellschaftliche Maßnahmen zu fördern.

Resilienz

Wenn Regen auf versiegelte Betonflächen fällt, läuft das Wasser ungebremst ab und kann Überschwemmungen verursachen. Regnet es auf den Boden einer Schwammstadt mit viel Grünfläche und durchlässigem Untergrund, wird das Wasser aufgenommen, versickert im Boden oder verdunstet mithilfe von Pflanzen. Klimaresilienz zeigt sich in solchen Stadtplanungsentscheidungen. Wer angesichts des Klimawandels handlungsfähig bleiben will, braucht Widerstandskraft. Die entsteht überall dort, wo man Angst in Handeln übersetzt. Der Einzelne kann das durch ein Engagement in Umweltschutzinitiativen.

Solastalgie

Naturmystik, einsame Wanderungen, Weltschmerz: Den Deutschen wird eine tiefe Melancholie nachgesagt. Kommt künftig noch das Gefühl der Solastalgie dazu? Der Begriff beschreibt das Leid darüber, dass sich die vertraute Umgebung verändert, dass sie verschwindet, zerstört wird (solacium bedeutet auf Lateinisch Trost, algos ist Griechisch für Schmerz). Durch den dauerhaften psychischen Stress und die Ausschüttung von Stresshormonen kann Solastalgie auch zu körperlichen Beschwerden wie Schlafstörungen und Erschöpfung oder zu psychosomatischen Schmerzen führen.

Sufficiency Mindset

„Effizienz und Konsistenz helfen uns, Dinge richtig zu tun. Suffizienz hilft uns, die richtigen Dinge zu tun“, brachte es der Klimawissenschaftler Manfred Linz gut auf den Punkt. Sufficiency Mindset lässt sich frei übersetzen mit: Genügsamkeit als Haltung. Der Weltklimarat IPCC hat den Begriff 2022 in seinen Sachstandsbericht aufgenommen. Er ergänzt die klassischen Klimaanpassungsstrategien um die eine Frage, die sich technisch nicht beantworten lässt: Wie viel ist genug?

Syndemic

Ein Kunstwort aus den griechischen Begriffen syn (zusammen) und epi-demein (im Volk verbreitet), das Krisen beschreibt, die sich nicht nur addieren, sondern gegenseitig verstärken. Ein Beispiel: Der Hitzesommer 2026 forderte in Deutschland mehr als 16.300 Todesopfer. Verantwortlich ist nicht die Hitze allein, sondern die Kombination aus Hitze, Luftverschmutzung und Vorerkrankungen bei älteren Menschen. Der Klimawandel kann auch Auslöser für andere Krisen sein, die sich gegenseitig verstärken: So führen Hungerkatastrophen zum Beispiel zu Migration und Konflikten.

Transformative Bildung

Wer an die eigene Schulzeit denkt, erinnert sich vermutlich ans Kurzzeit-Pauken: Für den Test am nächsten Tag hämmerte man sich so viel Stoff wie möglich ins Gedächtnis und vergaß alles ebenso schnell wieder. Transformative Bildung meint das Gegenteil. Der Lernansatz will nicht nur Kompetenzen vermitteln, sondern Denk- und Handlungsmuster verändern. Beispiel „transformative Arztpraxis“: Ärztinnen und Ärzte sprechen mit Patientinnen und Patienten über Zusammenhänge – etwa, warum Radfahren die Herzgesundheit verbessert und zugleich hilft, CO2 zu sparen.

Zombiefeuer

Trockener Torf brennt hervorragend, er glimmt wie eine Zigarette: langsam, sauerstoffarm, ohne offene Flamme. Zombiefeuer sind Wald- und Torfbrände, die unter Schnee weiterschwelen und im Frühling wieder an die Oberfläche kommen. Sie fressen sich in die Torfschichten der arktischen und borealen Landschaften und überstehen dort Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Diese Feuer führen zu einem massiven Ausstoß von CO2. Die Lösung: trockengelegte Moore wieder vernässen.