Feature
Gesundheit und Gemeinschaft

Menschen brauchen einander. Begegnungen, selbst beiläufige, haben einen großen Einfluss auf die menschliche Gesundheit. Wie kann im oft schnelllebigen und digitalen Alltag ein Gefühl der Zugehörigkeit entstehen? Und wo gibt es Orte und Projekte, die helfen, aus Begegnungen Verbundenheit entstehen zu lassen? Ein Selbstversuch.

Joshua Kocher

Wenn man es einmal bemerkt hat, kann man nicht mehr wegsehen. Überall in der Straßenbahn, in die ich eben in Freiburg eingestiegen bin, sehe ich gesenkte Köpfe. Eine Jugendliche scrollt durch TikTok, gegenüber läuft bei einem älteren Mann YouTube. Leere Blicke. Daumen, die über Bildschirme wischen, niemand redet. Alle sind in ihrer eigenen Welt – eine Szene wie aus einer Dystopie. Wahrscheinlich haben die Leute früher, als es noch keine Handys gab, auch nicht dauernd Gespräche in der Straßenbahn geführt. Trotzdem lässt mich die Szene nicht los. Wir sind ständig in Kontakt und wirken doch oft, als wären wir allein und unverbunden. Dabei zeigen Studien, wie wichtig Verbindung ist. Seit dem Jahr 1938 haben Forschende der Harvard Medical School schon rund 2.000 Menschen aus drei Generationen durchs Leben begleitet. Das Ziel: herauszufinden, was Menschen quer durch alle Einkommensschichten wirklich Glück und Wohlbefinden bringt. Die wichtigste Erkenntnis der Studie: „Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder.“ Menschen mit stabilen sozialen Kontakten sind körperlich und psychisch widerstandsfähiger. Sie leben sogar länger als Menschen, die stärker isoliert sind.

Ein Tag voller kleiner Begegnungen: Die folgenden Bilder sind im September in Freiburg entstanden, hier auf der Treppe des Theaters.

Kontakte auf Halbdistanz

Doch die Gegenwart scheint in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. In Baden-Württemberg fühlt sich einer aktuellen Studie zufolge etwa jeder Dritte manchmal einsam. Besonders auffällig ist dabei: Das ist keineswegs nur ein Problem von alten Menschen. Am einsamsten fühlen sich neben Kindern und Jugendlichen auch Menschen zwischen 30 und 65 – also jene, die eigentlich mitten im Leben stehen. Menschen wie ich mit meinen 31 Jahren. Junge Menschen wachsen in einer Welt auf, in der digitale Kontakte jederzeit möglich sind, während gleichzeitig viele Alltagsbegegnungen seltener werden: der Flurfunk in der Schule, das Gespräch im Jugendtreff. Claudia Neu, Professorin für Soziologie, sagt: „Es sind diese kleinen Begegnungen, die unsere Gesellschaft tragen.“ Sie sind seit der Corona-Pandemie vielerorts weniger geworden. Mitte Juli habe ich Claudia Neu interviewt. Sie leitet den Lehrstuhl für Soziologie ländlicher Räume an den Universitäten Göttingen und Kassel und sitzt im Beirat von Connected Minds. Das Programm wurde von der Baden-Württemberg Stiftung initiiert, um die soziale und emotionale Verbundenheit junger Menschen zu erhöhen. Ein Satz von Neu blieb besonders hängen: „Menschen müssen keine engen Freunde sein, um sich miteinander verbunden zu fühlen.“ Der kurze Plausch mit der Nachbarin, der Verkäufer, der weiß, wie man seinen Kaffee trinkt, die Frau, die jeden Morgen ihren Hund ausführt. Claudia Neu nennt das „Kontakte auf Halbdistanz“. Auch die Harvard-Langzeitstudie bestätigt, dass die eher beiläufigen, zufälligen Alltagsbegegnungen auch erheblich zum Wohlbefinden des Einzelnen beitragen.

Ein Gespräch auf dem Platz der Alten Synagoge (oben) oder auf dem Münstermarkt: Es sind diese kleinen Alltagsmomente zwischen Menschen, die Großes für das seelische Wohlbefinden bewirken.

Ein Tag voller Begegnung

Ich steige aus der Straßenbahn aus und nehme mir für heute etwas vor: Einen Tag lang will ich durch Freiburg gehen und Menschen ansprechen, ihre Nähe suchen. Herausfinden, was passiert, wenn ich mich auf solche Halbdistanzkontakte einlasse. Mein erster Stopp ist der Münstermarkt. Zwischen Obstständen, Blumen und Marktwagen reden alle miteinander, ganz anders als noch zuvor in der Straßenbahn. Der Blumenhändler fragt einen Stammkunden: „Dürfen’s wieder Rosen sein?“ Zwei ältere Damen diskutieren über die Hitze. Ein Mann erzählt seinem Gegenüber von der Wanderung am Wochenende. Es geht um Tomaten, Enkel und Knieprobleme, um nichts Weltbewegendes. Doch genau deshalb wirkt es wohltuend.

Ich stelle mich an einen Obststand. Vor mir kauft ein Mann anderthalb Kilo Zwetschgen. „Was machen Sie damit?“, frage ich. „Crumble“, antwortet er sofort und verrät mir begeistert sein Lieblingsrezept mit erschreckend viel Butter. Wenige Meter weiter schwatzt mir eine Marktfrau einen Sack Kartoffeln auf. Am Wurststand frage ich den Verkäufer, was er selbst am liebsten auf seine Grillwurst macht. „Krautsalat. Und Senf.“ Ich folge der Empfehlung. Sie ist ausgezeichnet. Während ich esse, erzählt er von der über hundertjährigen Geschichte der Metzgerei. Eine kleine Begegnung, die mich beschwingt.

 

Mit vollem Bauch und einem viel zu schweren Kartoffelsack gehe ich zurück zur Straßenbahn. Ich frage mich, warum sich diese Stunde so anders angefühlt hat als die Fahrt hierher? Dieses gute Gefühl, sagen Forschende, ist kein Zufall. Schon kurze positive Begegnungen – ein Gespräch, ein gemeinsames Lachen, das Gefühl, überhaupt wahrgenommen zu werden – setzen im Körper wohltuende Prozesse in Gang. Stress nimmt ab, Vertrauen wächst, Glückshormone werden ausgeschüttet. Man könnte sagen: Unser Körper ist auf Begegnung programmiert. Im Alter sinkt durch soziale Kontakte sogar das Risiko, an Demenz zu erkranken. Es ist also ein gesundheitliches Problem, wenn junge Menschen mehr als vier Stunden am Tag an ihrem Handy hängen, wie es der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest in seiner jüngsten JIM-Studie belegte. Sie kommunizieren zwar auch über Plattformen wie TikTok, Instagram oder Snapchat – doch echte Begegnungen finden nicht statt. Ich frage mich: Lässt sich das überhaupt noch zurückdrehen?

Musik auf der Wiwilí-Brücke, mit Blick auf die Herz-Jesu-Kirche: In den Sommermonaten gibt es viele Möglichkeiten, draußen mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Doch auch der Winter muss nicht einsam sein. Orte der Begegnung sind dann Bibliotheken und Bürgerhäuser, Museen und Kulturtreffs.

Social-Media-Detox

Ende Juli saß ich in Stuttgart bei einem Frühstück, das sich um diese Frage drehte. Die Baden-Württemberg Stiftung hatte zu einem Impulsfrühstück in ein Café ganz in der Nähe des Landtags eingeladen. Landtagsabgeordnete, Journalistinnen und Journalisten sowie Ministerialbeamte holten sich Croissants und Müsli vom Büfett, ehe der Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert vom Universitätsklinikum Ulm zu sprechen begann. Die Stiftung fördert seine Social-Media-Detox-Studie – eine der ersten kontrollierten Untersuchungen in Deutschland, die nicht fragt, ob soziale Medien problematisch sind, sondern was passiert, wenn junge Menschen ihren Konsum bewusst reduzieren.

 

Jörg Fegert begann nicht mit Alarmismus. „Soziale Medien sind nicht per se schädlich“, sagte er. Das überraschte mich. In der öffentlichen Debatte geht es ja oft um pauschale Verbote. Seine Forschung, sagte Fegert, verfolge einen anderen Ansatz. 150 Jugendliche sollten vier Wochen lang deutlich weniger Zeit auf Social Media verbringen – teilweise maximal eine Stunde täglich. „Schwäbisches Fasten” nannte Fegert das. So wie bei der Maultasche: Diese soll der Legende nach von Mönchen des Klosters Maulbronn in der Fastenzeit erfunden worden sein. Sie wickelten das verbotene Fleisch einfach in Nudelteig, damit der Herrgott es nicht sah. Ganz ähnlich funktioniert Fegerts Idee: „Es geht nicht darum, Social Media komplett aus dem Leben zu verbannen. Das wäre in einer durchdigitalisierten Welt ohnehin kaum möglich. Es geht darum, die Dosis zu reduzieren.“ Also weniger Videos, weniger endloses Wischen, weniger Zudröhnen.

Die Jugendlichen, die nur noch eine Stunde täglich Social Media nutzten, berichteten von mehr Wohlbefinden, weniger Stress, besserem Schlaf und weniger depressiven und ängstlichen Symptomen. Eigentlich einleuchtend, dachte ich. Wir merken alle täglich, wie stumpf sich das Scrollen durch Instagram anfühlt. Doch mich beeindruckte, wie deutlich die Auswirkungen sind. Fast noch spannender fand Fegert jedoch etwas anderes: Schon die Aussicht darauf, die eigene Bildschirmzeit bald reduzieren zu müssen, führte dazu, dass viele der Jugendlichen ihr Handy deutlich bewusster nutzten. Offenbar reichte manchmal schon ein kleiner Anstoß, um eingefahrene Gewohnheiten zu hinterfragen.

Zwei Frauen unterhalten sich im Freiburger Stadtgarten, im Hintergrund spielen Kinder, Musikfetzen liegen in der Luft. Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder.

Welche Wege gibt es, wie im digitalen Alltag wieder mehr Begegnungen möglich werden? Und wie trägt die Baden-Württemberg Stiftung dazu bei? Lesen Sie das große Feature im Magazin. Jetzt kostenfrei bestellen.

Social-Media-Detox-Studie

Wie kann man junge Menschen zu einem bewussteren Umgang mit den digitalen sozialen Netzwerken anleiten? Und welchen Effekt hat ein zeitlich begrenzter Verzicht auf die psychische Gesundheit? Die Social-Media-Detox-Studie, die von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert wurde, gibt darauf Antworten. Schon kurze Zeiten ohne Handy steigern das Wohlbefinden junger Menschen. Schlafprobleme, Ängste und depressive Symptome nehmen ab, wenn die Bildschirmzeit sinkt.
bwstiftung.de/social-media-detox