Interview
Gebaute Gesundheit

Wie sollten moderne Krankenhäuser geplant werden, damit sie zu Zentren der Gesundheit werden? Mark Dominik Alscher ist Internist und Geschäftsführer des Bosch Health Campus und des Robert Bosch Krankenhauses (RBK) in Stuttgart. Im Gespräch erklärt er, wie Gesundheit nicht nur medizinisch gesehen, sondern gebaut, gestaltet und geschützt werden kann.

Isabel Stettin

Herr Professor Alscher, wenn Sie an das Krankenhaus der Zukunft denken: Was sehen Sie?

Zunächst blicke ich zurück: Schon 1915 hat sich Robert Bosch gefragt, wie ein Umfeld aussieht, das Menschen gesund halten kann. Er gründete ein homöopathisches Krankenhaus mit der Auflage, dass sich Homöopathie wissenschaftlich bewähren muss. Dieser Anspruch, Gesundheit mit Wissenschaft zu verbinden, prägt uns als forschendes Krankenhaus bis heute. 2022 haben wir mit der Gründung des Bosch Health Campus an diese Tradition angeknüpft, und mit „Gesundheit“ statt „Krankenhaus“ im Namen unseren Zukunftsanspruch zum Ausdruck gebracht. Am Campus bündeln wir Patientenbehandlung, Spitzenforschung, Aus- und Fortbildung in Gesundheitsberufen sowie die Förderung vielversprechender Ideen für eine bessere Gesundheitsversorgung. Das Krankenhaus der Zukunft ist für mich mehr als ein Ort, an dem Krankheiten behandelt werden. Es ist un Ort, an dem Gesundheit ganzheitlich verstanden, erhalten, erforscht und gefördert wird.

Was bedeutet das für die Architektur?

Die klassische Medizin konzentriert sich häufig auf das erkrankte Organ, gleichzeitig wissen wir, wie wichtig psychische und seelische Faktoren für Heilung sind. Hier wird das Umfeld entscheidend. Ein Krankenhaus muss ein heilungsförderndes Klima schaffen: Dazu gehören für uns der Bezug zur Natur, viel Tageslicht sowie Kühlelemente gegen immer heißere Sommer. Unser kommendes Klinikgebäude blickt über das Neckartal bis zur Schwäbischen Alb. Französische Balkone schaffen zusätzlichen Bezug nach draußen. Wichtig ist uns auch Healing Art: Wir möchten eine Umgebung schaffen, die emotional anspricht und Orientierung gibt – etwa durch die künstlerische Gestaltung von Wänden und Decken in Untersuchungsräumen.

Mit dem Neubau am Bosch Health Campus entsteht das Krankenhaus der Zukunft, das mit Digitalisierung und optimierten Abläufen Patienten, Besuchern und Mitarbeitenden beste Bedingungen bieten soll.

Kann das tatsächlich zur Heilung beitragen?

Das Umfeld kann Bedingungen schaffen, unter denen Menschen sich besser erholen. Medizinische Behandlung bleibt entscheidend, aber wir sollten den Menschen nicht auf seine Diagnose reduzieren. Ein Raum kann Orientierung geben, Ruhe ermöglichen und durch Tageslicht und Natur das Wohlbefinden fördern. Gebaute Gesundheit bedeutet deshalb, die Umgebung als Teil der Versorgung zu verstehen. Auch die Erreichbarkeit gehört dazu: Unser Krankenhaus bringt aufgrund seiner Lage umgeben von Weinbergen verkehrliche Herausforderungen mit sich. Deshalb wird eine Seilbahnverbindung untersucht, um Patientinnen und Patienten einen schnellen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Welche gesellschaftlichen Veränderungen müssen solche Gebäude aufnehmen?

Wir stehen vor vielen Herausforderungen. Wir werden älter und leben häufiger mit mehreren Erkrankungen gleichzeitig. Auch wird unsere Gesellschaft vielfältiger: Am Bosch Health Campus arbeiten Mitarbeitende aus 90 Nationen. Das erfordert etwa digitale Übersetzungslösungen für eine gute Kommunikation. Auch die Digitalisierung verändert unsere Arbeitsumgebung. Während ich früher im Arztzimmer mein Bücherregal mit Fachliteratur hatte, ist Wissen heute digital verfügbar, und Dokumentation kann direkt am Computer oder Tablet erfolgen. Gebäude müssen sich an veränderte Bedürfnisse anpassen, vielfältige Menschen und Arbeitsweisen berücksichtigen, digitale Technologien integrieren und flexibel auf weitere Veränderungen reagieren.

Eingebettet in Grünanlagen entstehen auch fünf moderne Gebäude mit 300 Mitarbeiterwohnungen, eine nachhaltig gebaute Tiefgarage, 500 Fahrradstellplätze und ein Supermarkt. Für kurze Wege und eine gesunde Wohnqualität.

Die Medizin selbst verändert sich rasant. Wie wirkt sich das aus?

Sehr direkt. Die Behandlung wird immer individueller. Durch die genomische Medizin etwa schauen wir nicht mehr nur auf die Erkrankung, sondern auch darauf, welche genetischen und molekularen Veränderungen dahinterstehen. Gerade bei Krebserkrankungen können wir Therapien dadurch immer genauer auf den einzelnen Patienten und seinen Tumor zuschneiden. Ein gutes Beispiel sind CAR-T-Zellen. Vereinfacht gesagt, werden dabei körpereigene Immunzellen des Patienten zu einer personalisierten Krebsabwehr, eine für diesen Menschen hergestellte lebende Therapie. Für solche personalisierten Verfahren braucht ein Krankenhaus Labore, eigene Produktionsflächen. Gleichzeitig verändern sich auch die Behandlungsmethoden. Die klassische Chirurgie nimmt ab, während interventionelle Verfahren zunehmen: Eine Herzklappe etwa wird heute oft per Herzkatheter behandelt statt offen operiert. Wir brauchen also mehr Räume für bildgesteuerte Eingriffe und weniger klassische Operationssäle.

Werden wir irgendwann gar keine Krankenhäuser mehr brauchen?

Nein, aber ihre Rolle wird sich verändern. Das Krankenhaus sollte nicht mehr automatisch die erste Anlaufstelle für jedes gesundheitliche Problem sein, dafür brauchen wir eine funktionierende Primärversorgung. Heute gibt es bundesweit rund 6.000 unbesetzte Hausarztsitze, während Notaufnahmen überlaufen. Das Krankenhaus der Zukunft wird stärker ein spezialisierter Knoten in einem Netzwerk verschiedener Versorgungsangebote sein.

Ab 2027 wird auf über 51.000 Quadratmetern gelebt und gearbeitet. Eine Kita, Grünanlagen, Spielplätze und eine Eventküche sollen das Miteinander im Quartier fördern.

Das klingt auch nach einer Strukturfrage.

Unser heutiges System ist finanziell nicht nachhaltig. Es wird darüber diskutiert, dass künftig nur noch etwa die Hälfte der rund 1.800 Krankenhäuser in Deutschland bestehen könnte. Aber einfach Kosten zu kürzen oder Häuser ungesteuert zu schließen, wäre der falsche Weg. Wir müssen Leistungen stärker bündeln und dort konzentrieren, wo die notwendige Erfahrung, Technik und Fachkompetenz vorhanden sind. Nicht jedes Krankenhaus muss künftig alles anbieten.

Neben dem medizinischen Fortschritt und dem gesellschaftlichen Wandel wirken globale Entwicklungen auf die Medizin zurück, Stichwort: Planetary Health. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Der Klimawandel verändert unsere Gesundheit unmittelbar, durch Hitze, Wasserknappheit, Dürren und ein verändertes Krankheitsspektrum. In Stuttgart sind inzwischen Tigermücke und Sandfliege angekommen, damit werden auch Denguefieber oder die Virusinfektion Chikungunya denkbar – Krankheiten, die wir bisher mit tropischen Regionen verbinden. Im Sinne der Gesundheitserhaltung muss ich überlegen, ob eine Impfung sinnvoll ist, damit sich jemand gar nicht erst ansteckt. Das ist eine neue Herausforderung.

Die barrierefreien Wohnungen werden mit Abwärme aus der Tiefgarage und dem Erdreich beheizt. Auch energieeffiziente Technik sorgt für niedrige Betriebskosten.

Diesen Sommer gab es auch viele Betroffene von Hitze.

Das haben wir akut gespürt: In einer Hitzeperiode Ende Juni kamen binnen 24 Stunden rund 150 Hitzeopfer in unsere Notaufnahme, einige mit Körperkerntemperaturen von über 43 Grad. Werden Menschen nicht schnell genug heruntergekühlt, drohen Multiorganversagen und Tod. Wir haben deshalb spezielle Eismaschinen angeschafft, mit denen wir große Mengen Crushed Ice zur schnellen Kühlung von Patienten produzieren. Auch mit Blick auf den Klimawandel müssen wir Krankenhäuser und Gesundheitsversorgung neu denken: nicht erst, wenn Krankheit eingetreten ist, sondern viel früher, durch Prävention, gute Versorgung, passende Strukturen und durch die gebaute Umwelt.

Was bedeutet Gesundheit für Sie persönlich?

Die klassische WHO-Definition von Gesundheit als umfassendes körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden ist heute kaum noch aufrechtzuerhalten. Gerade die Altersmedizin zeigt, dass Heilung nicht immer das wichtigste Ziel ist: Es geht oft vielmehr darum, Selbstständigkeit und Funktionalität zu erhalten. Für mich persönlich bedeutet Gesundheit, in Balance zu sein mit den Ressourcen, die einem in der jeweiligen Lebensphase zur Verfügung stehen. Manche Fähigkeiten werden mit dem Alter besser, etwa die emotionale Intelligenz, andere schlechter, etwa die Stressresistenz. Entscheidend ist, mit den eigenen Kräften so zu haushalten, dass das persönliche Gleichgewicht stimmt.

Mark Dominik Alscher verfügt über rund 30 Jahre Erfahrung im Gesundheitswesen – als Arzt, Chefarzt und Ärztlicher Direktor – und engagiert sich für patientenorientierte Spitzenmedizin. Zudem ist er Lehrbeauftragter an der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen.

Kunst findet sich im RBK überall: im Eingangsbereich, in den Wartezonen, in den Patientenzimmern und sogar in den Intensivstationen.

Internationale Spitzenforschung

Mit dem Programm fördert die Baden-Württemberg Stiftung gezielt die Kooperation zwischen im Land ansässigen Forschergruppen und internationalen, herausragenden Spitzenwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Forschungseinrichtungen sind besonders dann wettbewerbsfähig, wenn sie im weltweiten Austausch auf höchstem Niveau forschen.

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