Herr Maußhardt, was macht für Sie eine wirklich gute Frage aus?
Eine gute Frage erkennt man daran, dass sie schwer zu beantworten ist. Nicht, weil sie kompliziert formuliert wäre, sondern weil sie etwas in Bewegung setzt. Schlecht sind Fragen, die sich mit Ja oder Nein abhaken lassen. Oder solche, deren Antworten ich in drei Sekunden googeln könnte. Sie prüfen lexikalisches Wissen, aber eröffnen kein Gespräch.
Lässt es sich lernen, gute Fragen zu stellen?
Gute Fragen zielen nicht auf Fakten, sondern fördern Auseinandersetzung. Sie entstehen auf Augenhöhe. Wer gut fragt, kommt vorbereitet: mit Wissen über die Person, das Thema, den Kontext. Spürt das Gegenüber dieses echte Interesse, entsteht Anstrengung auf beiden Seiten – und genau darin liegt die Lebendigkeit eines Gesprächs. Ein Interview ist kein Fragenkatalog, den man abarbeitet, sondern ein aufeinander Einlassen.
Darum sind Nachfragen so entscheidend. Sie greifen Antworten auf, reagieren, haken nach. Sie zeigen: Ich habe verstanden – oder ich will es genauer wissen. Genau zuhören ist ohnehin die wichtigste Fähigkeit beim Fragen.
Ich habe für sehr unterschiedliche Medien gearbeitet. Als Chefreporter der Bunten erlebte ich Interviews, die auf Provokation setzten. Überraschungsfragen sollten Menschen aus dem Konzept bringen. Manche waren lustig, manche grenzwertig, manche schlicht übergriffig. Fragen wie: „Wann würden Sie mehr weinen – wenn Ihr Vater oder wenn Ihre Mutter stirbt?“ provozieren – aber sie öffnen nichts. Sie zielen auf Effekte statt auf Erkenntnis. Fragende brauchen ein Gespür für Nähe und Distanz.
Manchmal ist das Schweigen wichtiger als die nächste Frage. In dieser Pause entsteht ein Raum, den das Gegenüber füllen kann. Nicht jede gute Frage ist klug oder lang. Auf eine gute Frage kommt nicht immer eine gute Antwort.
Wer stellt Ihnen gute Fragen?
Die besten Fragen stellen Kinder. Mein fünfjähriger Sohn fragt ohne Agenda, ohne Angst: Warum sind Bananen gelb? Warum darf ich das nicht sagen? Warum stirbt man? Diese kindliche Offenheit geht uns Erwachsenen oft verloren. Wir fragen strategisch: um etwas zu erreichen, zu entlarven, zu bestätigen. Kinder fragen, weil sie wirklich wissen wollen.
Vielleicht müssten wir alle wieder mehr üben, gute Fragen zu stellen – vor allem auch in den Familien, unter Freunden. Nicht nur im Journalismus, sondern generell. Der Journalismus sollte sich auch selbst befragen: Spiegeln wir die Vielfalt unserer Gesellschaft? Hören wir unterschiedliche Perspektiven – auch solche, die uns widersprechen? Wer Vielfalt nicht abbildet, öffnet Tür und Tor für Desinformation. Dialogbereitschaft ist zentral.
Gibt es Fragen, auf die Sie heute stolz sind – oder Fragen, die Sie rückblickend bereut haben?
Ich habe in meinem Berufsleben viele gute Fragen gestellt. Und viele Fragen, die ich so heute vielleicht nicht mehr stellen würde. Fragen wirken nie nur durch ihren Inhalt, sondern durch Kontext, Timing und Beziehung. Für wen frage ich eigentlich? Für das Publikum? Für die Redaktion? Für das eigene Ego? Echte und tiefe Gespräche entstehen oft dort, wo man kurz vergisst, dass Tausende mitlesen oder zuhören.
Wann genug gefragt ist, merkt man an den Pausen. Ein gutes Gespräch darf offen enden. Oft frage ich zum Abschluss nur: Gibt es noch etwas, das Ihnen wichtig ist und das wir nicht angesprochen haben? Manchmal kommt dann das Entscheidende. Vielleicht ist das die beste Frage von allen.