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Und woher hast du diese Info?

Die Nachrichtenlage ist komplex. Meinungen werden gebildet. Populistische Kampagnen beeinflussen die politische Kommunikation. Und in vielen Regionen drohen Nachrichtenwüsten, ohne lokale Zeitungen. In dieser Gemengelage tun sich Medien schwer, ihre Rolle als vierte Gewalt im Staat verantwortungsvoll auszufüllen. Wie es ihnen dennoch gelingen kann? Mit neuen Formaten und lokalen Ideen.

André Boße

Trauen Sie niemals einem Mann mit Schnurrbart! So denkt die Nation, als am Abend des 20. April 1974 zum Gongschlag um 20 Uhr die Tagesschau beginnt und Sprecher Karl-Heinz Köpcke mit Oberlippenbart auf dem Fernsehgerät auftaucht. Im Urlaub hat es einen Tauchunfall gegeben, der Schnurrbart kaschiert eine Verletzung an der Oberlippe. Vollprofi Köpcke verliest die Nachrichten verbindlich wie immer. Und doch rufen hunderte Zuschauerinnen und Zuschauer beim Sender an, schreiben empörte Briefe. Ein analoger Shitstorm. Kurz darauf ist der Schnurrbart wieder weg. Denn eines darf eine Nachrichtensendung auf gar keinen Fall verlieren: das Vertrauen des Publikums. Jede Branche lebt von Vertrauen. Wer zum Bäcker geht, geht davon aus, dass das Brötchen schmeckt. Und wer eine Nachricht liest, baut darauf, dass sie inhaltlich stimmt. Dass sich der Journalismus zunehmend einer Vertrauensfrage stellen muss, daran ist kein Schnurrbart schuld. Sondern eine Entwicklung, die etwas mit dem Internet und den sozialen Medien zu tun hat, mit KI und Fake News, mit Polarisierung und dem Aufstieg des Populismus. Ein Besuch im Kammertheater des Schauspiels Stuttgart, kurz vor Weihnachten 2025.

Auf Einladung der Baden-Württemberg Stiftung und des Staatsanzeigers Baden-Württemberg ist eine profilierte Runde zusammengekommen, um zu diskutieren, was Journalismus leisten muss, damit man ihm vertrauen kann. Zu Beginn des Abends eine einfache Frage: Woran erkennt man Qualitätsjournalismus? Helene Bubrowski, stellvertretende Chefredakteurin des Portals Table.Media, sagt: „Daran, dass mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben werden.“ Klingt logisch. Ist aber nicht mehr selbstverständlich. Der Trend geht hin zu Meinungsformaten. Es wimmelt vor Kommentaren und Kolumnen, selbstbewusst geschrieben, nach dem Motto: Es mag viele Wahrheiten geben, aber meine ist die richtige. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte spricht bei der Diskussion in Stuttgart von einer „aggressiven Ratlosigkeit“: „Wir merken, wie schwer die Suche nach Wahrheit ist. Zeitgleich haben wir aber alle immer recht.“ Fruchtbar ist dieser Boden für mediale Emporkömmlinge aus dem rechtspopulistischen Spektrum: Online-Anbieter wie Nius oder Apollo, News-Kanäle bei YouTube. Themenauswahl und Berichterstattung dort sind in aller Regel „hyperparteiisch“, wie es bei der Diskussion die Tübinger Kommunikationswissenschaftlerin Annett Heft benennt.

Um den Unterschied zu den traditionellen Zeitungen zu verdeutlichen: Die taz mag links sein, die NZZ und Die Welt rechtskonservativ. Aber: Die jeweiligen Redaktionen achten auf Standards, bringen eine Grundneugier mit. Das ist bei den populistischen Anbietern kaum der Fall. „Dort werden Kampagnen gefahren“, sagt Annett Heft. Und das ist ein Problem. Die Aufgabe des Journalismus in der Demokratie ist es, die Menschen zu informieren und die Machthabenden zu kontrollieren. Man spricht von der vierten Gewalt – eine Position, die mit Verantwortung einhergeht. „Was die Öffentlichkeit über Politik weiß, weiß sie über die Medien“, sagt Karl-Rudolf Korte. Journalismus ist meinungsbildend. Das ist gut, solange er den Rezipienten den nötigen Raum lässt, damit sie ihre Meinung formen und auch mal umformen können. Problematisch wird es, wenn er mit seinen Spins die Meinungskorridore so sehr einengt, dass Bewegung nicht mehr möglich ist. Das hat mit Qualität nichts mehr zu tun. Weil es keine Neugier und keine Fragen mehr gibt. Sondern nur noch zwei Lager: wir gegen die.  

Bewusstes Missverstehen und Verfälschung werden im Spiel gegen sachlichen  Journalismus eingesetzt, dessen Aufgabe es ist, politische Rhetorik zu entlarven. Aber je länger man über das Thema spricht, desto mehr positive Impulse drängen nach vorne.

Der 217 Meter hohe SWR-Fernsehturm in Stuttgart: der erste Turm überhaupt, der als Stahl-Beton-Konstruktion gebaut wurde. Er gilt als Urmodell für Fernsehtürme in aller Welt und ist ein Wahrzeichen Stuttgarts. In Betrieb genommen 1956, feiert er dieses Jahr 70. Geburtstag. Heute werden über den Turm nur noch Radioprogramme ausgestrahlt. 

Die norwegische Stadt Tromsø: Hier kann man Polarlichter sehen – und die Zukunft des Lokaljournalismus bestaunen. Die Redaktion der Zeitung iTromsø nutzt etwa eine eigene KI, um Dokumente der Stadtverwaltung zu lesen, zu filtern und exklusive Geschichten zu entwickeln. Seither deckte iTromsø mehrere Skandale auf, die Abozahlen steigen stetig.

Am 29. Mai 2016 kam es in der Gemeinde Braunsbach im Landkreis Schwäbisch Hall zur Katastrophe: Sturzartige Regenfälle verwandelten drei kleine Bäche in reißende Ströme. Bald schoss eine Flut durch den kleinen Ort. Ohne Wasser geht auf der Erde nichts. Aber wehe, das Wasser wird zu wild – dann besteht Gefahr für Leib und Leben, Hab und Gut. Über Katastrophen zu sprechen, wenn sie passiert sind, ist leicht. Doch wie macht man die Gefahr begreifbar, bevor sie eintritt? Gute Kommunikation heißt dann, Risiken sichtbar zu machen, Warnzeichen ernst zu nehmen und Wege zur Vorsorge aufzuzeigen – damit Krisen gar nicht erst zur Katastrophe werden.  

Kunst vs. KI: Im November 2025 entschied das Landgericht München I im europaweit ersten Urteil zu KI-Trainingsdaten, dass OpenAI mit ChatGPT die Urheberrechte etwa von Herbert Grönemeyer verletzt hat.  Der Chatbot darf Songtexte nur noch nutzen, wenn die Urheber dafür bezahlt werden. Geklagt hatte die Verwertungsgesellschaft Gema. Das Verfahren ist noch in Berufung. Aktuell klagt die Gema - wieder am Landgericht München - gegen die künstlich generierten Songs der US-Firma Suno.ai. Deren KI nutzt etwa die Schlager von Helene Fischer.

Trauen Sie nie einem Mann mit Schnurrbart! Im Englischen ist der Satz ein geflügeltes Wort. Der US-Historiker Christopher Oldstone-Moore vermutet, dass daran auch Adolf Hitler und Josef Stalin Anteil haben. Sie trugen zwei der berühmtesten Schnurrbärte der Geschichte – mit Absicht. Stalin wollte sich damit optisch von seinen kommunistischen Vorgängern unterscheiden, Hitler wollte eine „neue deutsche Männlichkeit“ etablieren.

Die Idee, ja das Ideal von den Medien als der vierten Gewalt hält den grundlegenden Arbeitsauftrag für Journalisten aufrecht: den Mächtigen auf die Finger zu schauen, ihnen nicht allein die Definition der öffentlichen Meinung zu überlassen und vor allem jene Informationen zu veröffentlichen, welche ansonsten nicht freiwillig verbreitet worden wären.
Harald Schumann, Journalist

Immer mehr Menschen nutzen KI für ihre Online-Recherche. Doch woher kommen die Antworten von ChatGPT & Co.? Die Chatbots werden mit Trainingsdaten gefüttert und ziehen Infos aus dem Netz. Dort kursiert neben Wissen jede Menge Müll. Eine KI aber kann zwischen echter Information und Lüge nicht unterscheiden. Wohin führt es, wenn sie mit falschen Daten trainiert wird?

„Qualität statt Schlagzeilen: Wie sieht verantwortungsvoller Journalismus aus?“ Unter diesem Motto diskutierten am 8. Dezember 2025 Medienschaffende und Experten im Stuttgarter Kammertheater. In Zeiten, in denen Rechtspopulisten Demokratie und Meinungsfreiheit infrage stellen, hinterfragten sie, was Journalismus leisten muss, damit man ihm vertrauen kann. 

Wir beobachten im digitalen Raum eine Reihe von Akteuren, die für ihre politische Kommunikation das Label „Journalismus“ strategisch nutzen, weil es Legitimität verspricht und eine gewisse Qualität suggeriert.
Annett Heft, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Tübingen
Es ist nachweisbar, dass der Freiheitsbegriff in denjenigen Regionen, in denen es keinen Lokaljournalismus mehr gibt, enger gefasst wird. Demokratische Gesellschaften sind noch nie wegen zu vieler, sondern wegen zu weniger Informationen zugrunde gegangen. In welcher Form es diese Informationen gibt, also ob digital oder gedruckt, spielt keine Rolle.
Karl-Rudolf Korte, Politikwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen
Reißerische Polemiken bekommen viel Aufmerksamkeit. Aber es sind die gut recherchierten Analysen, für die die Menschen bereit sind, Geld auszugeben. Das ist ein ermutigendes Signal.
Helene Bubrowski, stellvertretende Chefredakteurin des Portals Table.Media
Über die AfD zu berichten, ist nötig. Ihre Inszenierung zu übernehmen, wäre ein Fehler. Journalismus setzt Themen selbst, ordnet ein und legt Widersprüche offen. Die AfD wird weder größer noch kleiner, wenn man sie faktisch und kritisch behandelt.
Franziska Roth, Erste Chefredakteurin im SWR
Die Aufgabe des politischen Journalismus ist es, einen Raum herzustellen, in dem die Gesellschaft über relevante Fragen verhandeln kann. Wie es gelingen kann, diesen Raum angesichts von KI und einer zunehmend fragmentierten Mediengesellschaft zu bewahren, ist keine triviale Frage.
Rüdiger Soldt, Baden-Württemberg-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung