Trauen Sie niemals einem Mann mit Schnurrbart! So denkt die Nation, als am Abend des 20. April 1974 zum Gongschlag um 20 Uhr die Tagesschau beginnt und Sprecher Karl-Heinz Köpcke mit Oberlippenbart auf dem Fernsehgerät auftaucht. Im Urlaub hat es einen Tauchunfall gegeben, der Schnurrbart kaschiert eine Verletzung an der Oberlippe. Vollprofi Köpcke verliest die Nachrichten verbindlich wie immer. Und doch rufen hunderte Zuschauerinnen und Zuschauer beim Sender an, schreiben empörte Briefe. Ein analoger Shitstorm. Kurz darauf ist der Schnurrbart wieder weg. Denn eines darf eine Nachrichtensendung auf gar keinen Fall verlieren: das Vertrauen des Publikums. Jede Branche lebt von Vertrauen. Wer zum Bäcker geht, geht davon aus, dass das Brötchen schmeckt. Und wer eine Nachricht liest, baut darauf, dass sie inhaltlich stimmt. Dass sich der Journalismus zunehmend einer Vertrauensfrage stellen muss, daran ist kein Schnurrbart schuld. Sondern eine Entwicklung, die etwas mit dem Internet und den sozialen Medien zu tun hat, mit KI und Fake News, mit Polarisierung und dem Aufstieg des Populismus. Ein Besuch im Kammertheater des Schauspiels Stuttgart, kurz vor Weihnachten 2025.
Auf Einladung der Baden-Württemberg Stiftung und des Staatsanzeigers Baden-Württemberg ist eine profilierte Runde zusammengekommen, um zu diskutieren, was Journalismus leisten muss, damit man ihm vertrauen kann. Zu Beginn des Abends eine einfache Frage: Woran erkennt man Qualitätsjournalismus? Helene Bubrowski, stellvertretende Chefredakteurin des Portals Table.Media, sagt: „Daran, dass mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben werden.“ Klingt logisch. Ist aber nicht mehr selbstverständlich. Der Trend geht hin zu Meinungsformaten. Es wimmelt vor Kommentaren und Kolumnen, selbstbewusst geschrieben, nach dem Motto: Es mag viele Wahrheiten geben, aber meine ist die richtige. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte spricht bei der Diskussion in Stuttgart von einer „aggressiven Ratlosigkeit“: „Wir merken, wie schwer die Suche nach Wahrheit ist. Zeitgleich haben wir aber alle immer recht.“ Fruchtbar ist dieser Boden für mediale Emporkömmlinge aus dem rechtspopulistischen Spektrum: Online-Anbieter wie Nius oder Apollo, News-Kanäle bei YouTube. Themenauswahl und Berichterstattung dort sind in aller Regel „hyperparteiisch“, wie es bei der Diskussion die Tübinger Kommunikationswissenschaftlerin Annett Heft benennt.
Um den Unterschied zu den traditionellen Zeitungen zu verdeutlichen: Die taz mag links sein, die NZZ und Die Welt rechtskonservativ. Aber: Die jeweiligen Redaktionen achten auf Standards, bringen eine Grundneugier mit. Das ist bei den populistischen Anbietern kaum der Fall. „Dort werden Kampagnen gefahren“, sagt Annett Heft. Und das ist ein Problem. Die Aufgabe des Journalismus in der Demokratie ist es, die Menschen zu informieren und die Machthabenden zu kontrollieren. Man spricht von der vierten Gewalt – eine Position, die mit Verantwortung einhergeht. „Was die Öffentlichkeit über Politik weiß, weiß sie über die Medien“, sagt Karl-Rudolf Korte. Journalismus ist meinungsbildend. Das ist gut, solange er den Rezipienten den nötigen Raum lässt, damit sie ihre Meinung formen und auch mal umformen können. Problematisch wird es, wenn er mit seinen Spins die Meinungskorridore so sehr einengt, dass Bewegung nicht mehr möglich ist. Das hat mit Qualität nichts mehr zu tun. Weil es keine Neugier und keine Fragen mehr gibt. Sondern nur noch zwei Lager: wir gegen die.
Bewusstes Missverstehen und Verfälschung werden im Spiel gegen sachlichen Journalismus eingesetzt, dessen Aufgabe es ist, politische Rhetorik zu entlarven. Aber je länger man über das Thema spricht, desto mehr positive Impulse drängen nach vorne.