Wie Journalismus in einem Klima von Misstrauen und einer stark polarisierten politischen Gesellschaft arbeitet.
Journalistinnen und Journalisten in Serbien werden diskreditiert, bedroht und angegriffen. Laut dem Unabhängigen serbischen Journalistenverband kam es allein 2025 zu 380 Übergriffen, 116 davon tätlich. Die Journalistin Jelena Jovović berichtet, warum gerade in dieser Lage eine verantwortungsvolle journalistische Arbeitsethik so wichtig ist.
FakeNews Tragač ist eines von drei Factchecking-Portalen in Serbien. Wir teilen uns die Arbeit. Unsere Aufgabe ist es, klassische Medien und Medienoutlets in Serbien zu beobachten. Weil wir ein kleines Team sind, konzentrieren wir uns nicht auf irreführende, sondern auf tatsächlich falsche Informationen und benennen dabei auch immer die kommunikativen Mittel, mit denen eine Information verdreht wurde. In den vergangenen Jahren hat die Polarisierung in unserer Gesellschaft zugenommen. Das spiegelt sich in der Berichterstattung der Medien wider und wird durch diese auch verstärkt. Seitdem sehen wir einen deutlichen Anstieg der Fälle von Desinformation.
Der Beginn dieses Trends lässt sich auf die Coronavirus- Pandemie zurückführen, gefolgt vom Krieg in der Ukraine. In Serbien selbst hat der Einsturz des Bahnhofvordachs in Novi Sad im November 2024 wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Dieses tragische Ereignis kostete 16 Menschen das Leben und führte zu andauernden Protesten von Bürgern und Studenten. Seitdem ist unsere Gesellschaft noch tiefer gespalten – in Unterstützer der Regierung einerseits und solche der Protestbewegung andererseits, die den serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić und seinen Zirkel zur Rechenschaft ziehen will. Wir haben dazu eine eigene Sektion in unserem Blog. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2025 hat die Redaktion von FakeNews Tragač über 6.000 falsche Nachrichtenberichte im Zusammenhang mit den Protesten aufgedeckt. Unser Portal selbst ist natürlich auch Ziel von Desinformationskampagnen. Uns wird vorgeworfen, käuflich zu sein und entweder das Geschäft der Regierungskräfte oder das des Westens zu betreiben.
Das könnte alles auf absurde Weise lustig sein, ist es aber nicht. Denn es verdeutlicht ein grundlegendes Problem des Factcheckings, das wir aus der Psychologie kennen: Menschen glauben vorwiegend den Nachrichten, die sich mit ihren Einstellungen decken, und den Quellen, denen sie vertrauen. Die Leute denken, sie sind gut informiert. Dabei leben sie alle in Blasen, die infolge digitaler Technologien und sozialer Medien immer undurchlässiger werden. Für mich ist die Wurzel des Problems die schiere Menge an Informationen, die Geschwindigkeit, in der diese sich verbreiten, und wie Informationen – je nach Publikum – manipuliert werden. Ein Beispiel? Es gibt ein Video, das die ehemalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock zeigt, wie sie aus einem Flugzeug steigt und niemand sie empfängt. Dieses Video stammt aus Malaysia, wird in Serbien aber als Beleg dafür verbreitet, dass China Deutschland die kalte Schulter zeigt. In Deutschland wiederum wird das Video als Beleg für die angeblich schlechten Beziehungen zu Indien verbreitet. Was nicht passt, wird passend gemacht.
Wir brauchen ein neues, nichtkommerzielles Informationssystem. Aber bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig, als weiter gegen den Strom an Desinformation anzukämpfen, die Medienkompetenz der Bevölkerung zu stärken und dabei unseren journalistischen Grundsätzen treu zu bleiben: Genauigkeit, Fairness und Transparenz. Nur wenn Journalismus strikt dem öffentlichen Interesse und keinem Medienunternehmen dient und die Öffentlichkeit dieses Informationsangebot annimmt, können wir der Wirkkraft von Desinformation den Boden entziehen.