Interviews
Kann digital auch Demokratie?
Cyberattacken, Desinformationskampagnen, Deepfakes: Künstliche Intelligenz kann zur Gefahr für die Demokratie werden. Dabei hat sie mindestens genauso viel Potenzial, wenn es um politische Bildung, Vermittlung und gesellschaftlichen Zusammenhalt geht. Kluge Köpfe arbeiten genau daran – gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung. Seit die Wissenschaftler den ersten Politechathon gewonnen haben – einen Programmierwettbewerb für Ideen, wie KI die Demokratie stärken kann –, hat sich viel getan.
Achtung, Deepfake! In den sozialen Netzwerken kursieren gefälschte Fotos von Emmanuel Macron, der vermeintlich in Paris auf der Straße demonstriert. Die Bilder wirken sehr echt. In Deutschland schützt das Kunst- und Urhebergesetz das Recht jedes Einzelnen am persönlichen Bild – das gilt durchaus auch für künstlich erzeugte Aufnahmen und Foto- oder Videomontagen.
Sie haben mit Electomate gewonnen, einem KI-Tool, das individuelle Fragen zu Parteiprogrammen beantwortet. Wie lief der Praxistest bei der vergangenen Bundestagswahl?
Dafür, dass wir erst drei Tage vor der Wahl an den Start gegangen sind, waren rund 50.000 Nutzerinnen und Nutzer schon ein richtiger Erfolg. Zwar kein Vergleich zum Wahl-O-Mat von der Bundeszentrale für politische Bildung mit seinen 26 Millionen Klicks, aber das Feedback war sehr positiv. Und wir haben unser Netzwerk erweitert und kollaborieren inzwischen mit Teams, die Ähnliches entwickelt haben, wie Wahl.chat von Studierenden und Forschenden aus München und Cambridge.
Wie geht es weiter?
Von Anfang an wollten wir den Electomate nicht nur für Deutschland bauen, sondern für die ganze Welt. Die Plattform ist inzwischen weitgehend automatisiert. Wir liefern die Bauanleitung: Welche Funktionen hat das Tool, was muss von Menschen geprüft werden? Auch für Medienhäuser ist das spannend – etwa in Skandinavien, wo viele Medien eigene Wahl-Tools betreiben. Aktuell läuft unser Projekt auf Spendenbasis. Das Preisgeld der Baden-Württemberg Stiftung war ein entscheidender Booster. So früh hat keine andere Stiftung ein derartiges Projekt direkt unterstützt. Zurzeit bereiten wir einen neuen Launch vor, voller neuer Features, mit einem Fellowship für Forschende – und vielleicht geben wir uns auch einen neuen Namen.
Was unterscheidet den Electomate vom herkömmlichen Wahl-O-Mat?
Der Wahl-O-Mat ist bewusst einfach gehalten. Aber er bleibt bei Ja-oder-Nein-Antworten. Eigene Fragen lassen sich nicht stellen. Genau das ermöglicht unser Tool. Und die Quellen und Texte, mit denen die Electomate-KI gefüttert wird, sind von Experten geprüft. Da kommt kein Unsinn raus. Außerdem hat man alles auf einen Blick: Die Antwort erscheint im Fenster nebenan – man muss nicht mehrere Tabs öffnen.
Welche Trends sehen Sie bei KI und Demokratie?
Viele Tools setzen auf Transparenz: Sie erklären Gesetze oder parlamentarische Beschlüsse. Das ist wichtig, erreicht aber Menschen, die sich ohnehin schon für demokratische Prozesse interessieren. Diese Tools setzen auf rationale Vergleiche, aber so funktionieren Wahlentscheidungen oft nicht. Sie sind von Identität geprägt, vom sozialen Umfeld. Wir entwickeln etwas, das zu verstehen hilft, wie politische Meinungsbildung funktioniert. Warum sprechen mich bestimmte Inhalte an? Wie führe ich ein Gespräch mit jemandem, der anders denkt? KI kann helfen, demokratische Debatten zu stärken. Technisch ist heute vieles schnell umsetzbar. Die Herausforderung wird sein: Wie erfahren Menschen von solchen Angeboten – und wie gewinnen wir ihr Vertrauen?
Gabor Hollbeck Der Wissenschaftler an der ETH Zürich und Co-Founder der Plattform OpenDemocracy unterstützt Wählerinnen und Wähler bei der Frage: Wo das Kreuzchen machen? Er und sein Team haben dafür eine KI-unterstützte Wahlhilfe entwickelt. electomate.com
Sie haben vor Ihrer Selbstständigkeit unter anderem in der österreichischen Bundespolitik gearbeitet. Wie hat das Ihre Gründeridee beeinflusst?
Wir haben den Politechathon mit einer KI-Wahlentscheidungshilfe, dem Voter AI, gewonnen. Aber dieses Tool ist auf ein zeitlich begrenztes Ereignis wie eine Wahl reduziert. Also haben wir weitergedacht. In meiner Zeit in der Politik hatte ich viel mit Medien zu tun. Ich habe gesehen, unter welchem Zeit- und Kostendruck Redaktionen stehen – und wie viele Inhalte Journalistinnen und Journalisten aufbereiten müssen. Gleichzeitig ist das Produkt meist noch immer ein statischer Text. Da gibt es wenig Innovation. Deshalb entwickeln wir einen interaktiv erlebbaren Artikel, der sich an den Bedürfnissen der Lesenden orientiert. Aus Voter AI wird Orientation Media.
Wie funktioniert das konkret?
Unsere Befragungen haben ergeben: Menschen wollen Meinungsvielfalt. Sie möchten wissen, wie unterschiedliche Akteure zu einem Thema stehen – auch wenn sie deren Positionen nicht teilen. Wer sich etwa über das Lieferkettengesetz informiert, liest einen Artikel, verlässt dann die Nachrichtenseite, um den genauen Gesetzestext oder andere Quellen zu suchen. Diesen Umweg wollen wir abkürzen. Unsere Plattform bündelt Zahlen, Fakten, Richtlinien, Ziele eines Gesetzes, mediale Berichterstattung und Perspektiven verschiedener Interessengruppen – inklusive transparenter Originalquellen. Die Leserinnen und Leser entscheiden selbst, wie tief sie in die Materie eintauchen, vom einfachen Überblick bis zur tiefen Recherche. Das System ist modular aufgebaut, arbeitet automatisiert mit KI, wird aber von Expertinnen und Experten geprüft. Unser erster interaktiver Artikel befasst sich mit einem EU-Vorschlag für eine einheitliche europäische Firmenform, die „EU-Inc“ – ein Thema, das die Gründerszene bewegt, weil dadurch Start-ups in der EU schneller und einfacher gründen können sollen.
Wie wichtig ist Netzwerken für einen KI-Pionier?
Extrem wichtig. Der Politechathon hat mir viele Kontakte gebracht. In der KI-Garage der Baden-Württemberg Stiftung konnten wir unsere Ideen vorstellen und Gleichgesinnte treffen. Und das Preisgeld war entscheidend, um ein Team aufzubauen.
Welches Potenzial hat KI für politische Bildung?
Die große Chance von KI: Sie kann Inhalte für unterschiedliche Zielgruppen aufbereiten. Wir entwickeln zum Beispiel ein Spiel, bei dem Jugendliche in die Rolle von Politikerinnen und Politikern schlüpfen. Sie treffen Entscheidungen – und sehen die Konsequenzen. Demokratie wird spielerisch erfahrbar. KI macht solche Anwendungen heutzutage deutlich günstiger in der Entwicklung – und eröffnet völlig neue Möglichkeiten für politische Aufklärung.
Mathias Lipp-Rosenthal Der Gründer der KI Schmiede (kischmiede.at) und KI-Experte aus Wien hat beim Politechathon mit einem smarten Wahl-O-Maten überzeugt, der auf die Interessen unterschiedlicher Zielgruppen eingeht. Mit einer Weiterentwicklung dieses Tools bläst er nun zum Angriff auf klassische Medien und Berichterstattung. orientation-media.eu
Was haben Sie mit dem Preisgeld von 15.000 Euro gemacht?
Wir haben unseren Campaign Tracker zu einem einsatzfähigen System weiterentwickelt – und ihn direkt im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2025 eingesetzt. Von rund 75.000 Social-Media-Posts auf Instagram und Facebook haben wir etwa 1.000 als KI-generiert identifiziert. Die Ergebnisse wurden auf einer Internetseite veröffentlicht, sortiert nach Parteien, Themen sowie positiven und negativen Botschaften.
Was waren die wichtigsten Ergebnisse?
Etablierte Parteien aus der politischen Mitte nutzen KI bislang eher zurückhaltend. Kleinere und Kleinstparteien setzen dagegen stark auf KI-Bilder – vermutlich, weil ihnen Geld und Personal fehlen und sie professioneller auftreten wollen. Die AfD verwendet KI strategisch: Sie veröffentlichte die meisten KI-generierten Inhalte, vor allem gegen politische Gegner und Minderheiten.
Gab es Überraschungen?
Ja. KI-generierte Inhalte müssen laut dem europäischen AI Act gekennzeichnet werden. Trotzdem fehlte bei knapp 85 Prozent der analysierten KI-Bilder ein Transparenzhinweis – entweder seitens der Parteien oder seitens der Social-Media-Plattformen. Beides ist problematisch.
Was leistet der Campaign Tracker für die Demokratie?
Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hat mit uns Workshops für Lehrende und Unterrichtsmaterialien entwickelt. Journalistinnen und Journalisten nutzen das Tool für Recherchen. Nicht nur in Deutschland, auch in den Niederlanden, deren vergangene Parlamentswahl wir ebenso begleitet haben. Reporter des Wochenmagazins De Groene Amsterdammer haben wir dabei unterstützt, eine Social-Media-Aktion zweier Mitglieder der rechtspopulistischen PVV aufzudecken. Über inoffizielle Accounts wurden massenhaft Deepfakes verbreitet, mutmaßlich ohne Auftrag von höherer Stelle. Parteichef Geert Wilders musste sich später in einem TV-Duell entschuldigen. Außerdem sind wir im Austausch mit Politik und Wissenschaft. Unser Tool leistet Bildungsarbeit auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen.
Was kommt als Nächstes?
Wir sprechen mit Forschenden in Israel über die Begleitung der kommenden Parlamentswahl. Auch Teams aus Brasilien, Frankreich und Bangladesch sind interessiert. Ohne die Anschubfinanzierung durch den Politechathon hätten wir das Projekt wohl nicht so weit gebracht. Welche Zukunft sehen Sie für KI im politischen Umfeld? Politik muss sich technologisch weiterentwickeln – sonst verliert sie den Anschluss. Gleichzeitig braucht es klare Regeln für den strategischen Einsatz und den verantwortungsvollen Umgang mit Inhalten.
Simon Kruschinski Der Medienwissenschaftler vom Leibniz- Institut für Sozialwissenschaften (GESIS) in Köln hat zusammen mit Fabio Votta von der Universität Amsterdam eine Plattform entwickelt, die KI-generierte politische Kampagnen auf Social Media aufdeckt. campaigntracker.de