Porträts
Hallo, wie können wir behilflich sein?
Wissenschaft braucht Freiheit. Doch was passiert, wenn Politik, wirtschaftlicher Druck und gesellschaftliche Barrieren bestimmen, welche Fragen erlaubt sind? Wenn Mittel gestrichen, Begriffe zensiert und Forschende eingeschüchtert werden? Vier Geförderte des Programms für internationale Wissenschaftsfreiheit der Baden-Württemberg Stiftung berichten, was das für ihre Arbeit heißt – und was unabhängige Forschung schützt.
Die Universität Harvard: zentraler Schauplatz im Konflikt um Wissenschaftsfreiheit in den USA. Die Hochschule wehrt sich sichtbar gegen politischen Druck durch die US-Regierung. Rund ein Viertel der Studierenden dort kommt aus dem Ausland. Damit sind mehr als 6.800 Studierende potenziell von Visa-Entzug, Studienabbruch oder einem Hochschulwechsel betroffen.
„Meine Stimme für die Stimmlosen.“
Zwischen politischem Druck, digitaler Gewalt und Forschungsarbeit kämpft Eirliani Abdul Rahman für die Regulierung großer Technologieunternehmen und gegen Kinderhandel. Trotz Anfeindungen und Drohungen forscht sie weiter, für die Wissenschaftsfreiheit und den Schutz der Schwächsten.
Es ist Dezember 2025, als Eirliani Abdul Rahmans Befürchtungen Realität geworden sind: Ein Kollege muss an Heiligabend hektisch rechtliche Unterstützung organisieren, um nicht verhaftet und abgeschoben zu werden. Imran Ahmed, britischer Staatsbürger, in Washington D. C. lebend, wurde von der US-Regierung sanktioniert. Sein Vergehen: Er hat, wie sie selbst, öffentlich gegen große Technologieunternehmen ausgesagt und sich für mehr Sicherheit im Internet eingesetzt. „Ich war schockiert“, sagt Abdul Rahman. „Ich weiß, dass meine Arbeit in den USA nicht willkommen ist.“ Seit seiner Gründung 2016 war sie Mitglied des Twitter Trust and Safety Council als Expertin für Kinderschutz. Fast sieben Jahre lang beriet Eirliani Abdul Rahman die Social-Media-Plattform ehrenamtlich. Im Dezember 2022 trat sie gemeinsam mit zwei Kolleginnen aus Protest gegen den „rasanten Anstieg von Hassrede“ nach der Übernahme durch Elon Musk zurück. Vier Tage später löste Musk den gesamten Beirat auf. Eine Einschüchterungskampagne folgte: „Mein Rücktrittstweet ging viral – wir erhielten Morddrohungen und Drohungen, unsere persönlichen Daten zu veröffentlichen“. Abdul Rahmans Kerngebiet ist „netzwerkbasierte Belästigung“ – jener koordinierte Online-Missbrauch, von stark vernetzten Accounts ausgelöst und verstärkt. Ihre eigene Erfahrung wurde Teil ihres wissenschaftlichen Interesses. „Weil ich Musk kritisch angesprochen habe, fürchtete ich, mich zensieren zu müssen und möglicherweise nicht mehr frei forschen zu können“, sagt sie. Doch Abdul Rahman schwieg nicht. Medien auf der ganzen Welt berichteten über ihren Fall. Im März 2025 sagte sie vor dem britischen Unterhaus aus und zeigte, wie Meta, X und YouTube „die Inhaltsmoderation zurückfahren und zur Verbreitung von Desinformation und Hassrede beitragen“. Ihre Forderung: klare Leitplanken für Technologieunternehmen, um gesellschaftlichen Schaden zu begrenzen, und soziale Medien aus einer Perspektive der öffentlichen Gesundheit betrachten. Während Abdul Rahman in europäischen Institutionen Gehör findet, verändert sich das Klima in den USA grundlegend. Begriffe wie „Gleichheit“, „indigene Gemeinschaften“ oder „LGBTQ“ dürfen in Förderanträgen an US-Bundesbehörden teils nicht mehr vorkommen. „Unter der neuen Regierung ist meine Forschung von der Förderung ausgeschlossen“, sagt sie. „Politische Faktoren spielen eine unverhältnismäßig große Rolle bei der Einschränkung akademischer Freiheit. Nachwuchsforschende arbeiten in einem Klima der Angst.“ Abdul Rahman betrachtet das Programm der Baden-Württemberg Stiftung daher als „nicht nur zeitgemäß, sondern von existenzieller Bedeutung“. Es ermöglicht ihr, sich in Ruhe auf ihre Forschung zu konzentrieren. Dank des Stipendiums entwickelt sie mit einem Team an der Universität Mannheim ein KI-gestütztes Werkzeug zur Bekämpfung von Kinderhandel in Indien, wo etwa alle 15 Minuten ein Kind entführt wird. Abdul Rahman forscht weiter, spricht weiter, schreibt weiter – als Frau of Color, als erste ihrer Familie mit Hochschulabschluss und Überlebende von sexualisierter Gewalt in der Kindheit: „Ich möchte meine Stimme für die Stimmlosen erheben.“
Eirliani Abdul Rahman gehörte zur ersten Kohorte des Programms Harvard Students in AI am Berkman Klein Center der Harvard Law School und forschte in Cambridge. Am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung der Universität Mannheim, forscht sie sechs Jahre lang gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung, und sie ist Co-Direktorin des Global Responsible Tech Lab (GRTL).
„Wir müssen die Wissenschaftsfreiheit verteidigen.“
Anna Beers kämpft dafür, dass Wissenschaft frei und unabhängig bleibt, geschützt vor politischem und rechtlichem Druck und mit gesicherter Förderung. Für die queere Forscherin ist diese Freiheit existenziell: Sie entscheidet über Karrieren, Forschungsperspektiven und Vielfalt.
Hinter Anna Beers liegen Jahre an vorderster Front der digitalen Informationskriege. In den USA hat sie untersucht, wie pseudowissenschaftliche Verschwörungen rund um die Corona-Pandemie entstanden, wie Kampagnen gegen Transpersonen orchestriert werden und wie sich Desinformation in sozialen Medien entfaltet. Brisante und sensible Themen, die ihre Analysen unweigerlich ins politische Spannungsfeld rücken. Für Beers als queere Forscherin ist Wissenschaftsfreiheit kein abstraktes Ideal. Während ihrer Promotion an der University of Washington erlebte Beers, wie republikanische Kongressmitglieder Kolleginnen und Kollegen politisch überprüften. „Viele sind digitaler Hetze ausgesetzt, besonders Frauen, queere Forschende und Forschende of Color“, sagt Beers. „Soziale Medien können bestimmten Menschen das Leben zur Hölle machen.“ Große Technologieunternehmen stellen ein Risiko dar. Wer ihre Plattformen untersucht, sieht sich mit Vorladungen konfrontiert, um vor politischen Gremien auszusagen, oder mit Anfragen zur Herausgabe von Kommunikationsunterlagen. Manche Projekte werden darum gar nicht erst begonnen – aus Angst, dass die Arbeit durch rechtliche Schritte gestoppt werden könnte, sagt Beers, die selbst von Informationsanfragen betroffen war. Forschende sollen frei entscheiden können, welche Fragen sie stellen. Doch oft endet diese Freiheit bei der Finanzierung – in den USA wie auch in Europa. „Wer stark von Fördermitteln abhängig ist, agiert oft vorsichtig“, sagt Beers. In den USA hat sich die Lage zunehmend verschärft: Programme zu Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion stehen unter Druck. Trendthemen wie Künstliche Intelligenz versprechen Fördermittel, ebenso Themen mit starkem wirtschaftlichen Interesse, während politisch heikle Fragen zurückfallen. Zugleich gibt es durchaus kritische Forschung zu KI, auch in Beers eigener Arbeit. Wissenschaftsfreiheit betrifft nicht nur Inhalte, sondern auch Zugänge. „Wir denken an heroische Forscher“, sagt Beers. „Aber eigentlich geht es darum, wer überhaupt Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler werden kann.“ Eine vielfältige Wissenschaft stellt vielfältige Fragen. Doch in den USA wie in Deutschland dominieren weiße Männer. Frauen, People of Color und queere Menschen sind unterrepräsentiert. Werden Förderprogramme gestrichen, verschwinden nicht nur Projekte, sondern enden Karrierewege. Nachwuchsforschende ohne sichere Stellen trifft es zuerst. „Dann entscheidet irgendwann nur noch ein bestimmter Typ Mensch über wissenschaftliche Fragen“, sagt Beers: „Das verengt die Perspektiven.“ In Tübingen hat Beers die Möglichkeit, ohne Sorgen und Druck zu forschen. Seit Oktober 2025 ist sie Stipendiatin der Baden-Württemberg Stiftung im Programm für Internationale Wissenschaftsfreiheit. In den kommenden zwei Jahren wird sie rechtsextreme Medienbewegungen in Europa und den USA vergleichen. Beers mahnt zur Wachsamkeit. Andere Länder, etwa Ungarn, zeigen, wie schnell Eingriffe möglich sind. Für Deutschland müsse die Entwicklung in anderen Ländern ein Alarmsignal sein: „Wissenschaftsfreiheit ist nie selbstverständlich. Wenn wir sie nicht aktiv verteidigen, können wir sie sehr schnell verlieren.“
Anna Beers forscht zu Rechtsextremismus und Desinformation. Von 2025 bis 2027 ist sie Gastwissenschaftlerin an der Universität Tübingen und wird gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung. Zuvor war sie Postdoktorandin am Center for Information, Technology, and Public Life an der University of North Carolina at Chapel Hill und promovierte an der University of Washington in Human Centered Design & Engineering.
„Ohne Autonomie würde ich scheitern.“
Zackary Okun Dunivin erforscht große Sprachmodelle und deren ethische Nutzung in der Sozialforschung. Für ihn ist wissenschaftliche Autonomie bedeutsam, um kritische Fragen zu stellen und KI verantwortungsvoll zu gestalten.
Als Zackary Okun Dunivin einen wissenschaftlichen Artikel mit der Aussage abschloss, dass die gängigen liberalen Reaktionen auf Rassenungerechtigkeit, einschließlich des Erbes der Bürgerrechtsbewegung, strukturell unzureichend gewesen seien, riet ihm ein Kollege, die Passage zu streichen: „Nicht wissenschaftlich.“ Dunivin ließ den Abschnitt unverändert, die Gutachter erhoben keinen Einspruch. Doch die Erfahrung brachte ihn zum Nachdenken: „Wie politisch darf meine Arbeit sein? Und wie politisch sollte sie sein?“ Dunivin macht keinen Hehl daraus: „Meine Arbeit hat eine eher linke Perspektive, sie enthält auch eine Kritik am Liberalismus.“ In den USA ist der Druck auf solche Forschung massiv gestiegen. Dunivin, ursprünglich Biologe, ist mittlerweile Informatiker und Kultursoziologe. Als 2014 die ersten leistungsfähigen neuronalen Netze entwickelt wurden, faszinierte ihn das so sehr, dass er in die Sozialwissenschaften wechselte. Spätestens mit dem großen Sprachmodell GPT-4 war ihm klar: „Das ist etwas grundlegend Neues. Das, worüber wir seit Jahren sprechen, passiert jetzt wirklich.“ Heute forscht er zu großen Sprachmodellen, ihren Möglichkeiten und Hürden. Er nennt ein Beispiel. Bei der Übersetzung von einer geschlechtsspezifischen Sprache wie Deutsch in eine nicht geschlechtsspezifische Sprache wie Englisch komme es zu Verzerrungen: Wenn ein Algorithmus eine „Ärztin“ fälschlicherweise als „Krankenschwester“ übersetzt, ist das „nicht nur ein technischer Fehler, nicht nur gesellschaftlich problematisch, sondern schlicht falsch“. Anwendungen, die mit realen Daten trainiert werden, bilden die Welt ab, wie sie ist, inklusive all ihrer Ungerechtigkeiten. „Das Problem ist: Wir mögen dieses Abbild nicht.“ Die zentrale Frage: „Wie bringen wir einer mathematischen Maschine Werte bei? Und wer definiert diese Werte?“ Die KI soll bewusst und nachvollziehbar abwägen, wann Identität relevant ist, wie sicher eine Aussage ist und wie Stereotype vermieden werden. Erste Tests zeigen: Solche Strategien existieren bereits, aber oft uneinheitlich und unzuverlässig. Ziel ist eine KI, die in unterschiedlichen Kulturen und Institutionen funktioniert, ohne Schaden anzurichten. Derzeit forscht Dunivin mit einer zweijährigen Förderung der Baden-Württemberg Stiftung an der Universität Stuttgart: „Das Programm gibt mir große Freiheit.“ Diese Unabhängigkeit ist für ihn existenziell: „Ohne Autonomie, da bin ich ehrlich, würde ich scheitern.“ In den USA fehlt diese Freiheit immer spürbarer: Konservative Bewegungen wollen vor allem bei den Geisteswissenschaften kürzen und Inhalte kontrollieren. Hinzu kommt die ökonomische Dimension. Immer mehr Forschende kämpfen um die Grundfinanzierung. Dunivin vermisst ein kollektives Aufbäumen: „Es gab keine geschlossene Front der Universitäten gegen politische Eingriffe“, bedauert er. Statt Solidarität herrsche Konkurrenz. Am Ende läuft alles auf dasselbe hinaus: Wissenschaft lebt von Freiheit. „Ohne sie“, sagt er, „lässt sich weder forschen noch kritisches Denken entwickeln. Wer die Freiheit einschränkt, greift die Grundlagen der Erkenntnis selbst an.“
Zackary Okun Dunivin ist Informatiker und Kultursoziologe und promovierte an der Indiana University. Als Postdoktorand im Programm der Baden-Württemberg Stiftung an der Universität Stuttgart untersucht er die ethische Ausrichtung von KI und den Einsatz großer Sprachmodelle in der Sozialforschung.
„Forschung ist für mich eine Herzensangelegenheit.“
Statt nach Harvard zu gehen, leitet Viviane Timmermann heute ihre eigene Forschungsgruppe in Freiburg. Die Förderung der Baden-Württemberg Stiftung gibt ihr Unabhängigkeit und hilft ihr, langfristig zu planen, ganz ohne politische Einschränkungen.
Eigentlich sollte ihr Weg nach Harvard führen: Viviane Timmermann hatte sich auf ein Postdoc-Stipendium beworben, um mit speziellen Stammzelllinien zu arbeiten, neue Methoden zu erlernen und internationale Kooperationen zu vertiefen. Für ihre Karriere wäre es der logische nächste Meilenstein gewesen – und ein persönlicher Traum. Doch dann änderten sich mit der erneuten Wahl von Präsident Donald Trump die politischen Rahmenbedingungen. Reisebeschränkungen, Unsicherheiten, eine aufgeheizte Stimmung. Die Universität Freiburg, an der Timmermann damals tätig war, verschickte eine Rundmail: Man solle Forschungsreisen in die USA überdenken. „Ich habe gemerkt, dass es einen Unterschied macht, wer Präsident ist: nicht in den Laboren, aber an den Grenzen“, sagt sie. Das Unbehagen entstand auch durch Berichte über drastische Mittelkürzungen. „Viele, die gehen wollten, wollten am Ende nicht mehr, andere verließen die USA.“ Timmermann kennt beide Wissenschaftssysteme gut. Zweieinhalb Jahre hatte sie bereits in den USA geforscht, unter anderem in San Diego. Bis die Corona-Pandemie sie 2021 zurück nach Deutschland brachte. „Beide Systeme haben ihre Stärken“, sagt sie. „Aber die Grundlage für Forschung ist überall dieselbe: die Freiheit, Fragen zu stellen und Modelle zu entwickeln, ohne politische Einschränkungen.“ Der Traum von Harvard war für Timmermann geplatzt. Mit der kurzfristigen Ausschreibung der Baden-Württemberg Stiftung für das Sonderprogramm für internationale Wissenschaftsfreiheit kam für sie ein Wendepunkt. „Ich habe Tag und Nacht an dem Antrag gearbeitet“, erinnert sie sich. Mit Erfolg: Seit Februar 2026 leitet sie an der Universität Freiburg die Nachwuchsgruppe „The Heart under Pressure“. „Natürlich wäre der Forschungsaufenthalt in den USA spannend gewesen“, sagt sie. Doch die Förderung ermöglicht ihr nun, in Deutschland eine eigene Juniorgruppe aufzubauen, Mitarbeitende einzustellen, langfristig zu planen. „Das ist wissenschaftliche Freiheit in der Praxis: Zeit, Ressourcen und ein sicheres Umfeld.“ Ihre Förderung hat eine Laufzeit von sechs Jahren. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in Freiburg möchte sie mit ihrer Grundlagenforschung dazu beitragen, dass künftig weniger Menschen an Herz- Kreislauf-Erkrankungen sterben – der häufigsten Todesursache in der westlichen Welt. Oft beginnt alles mit einer Ischämie, einer Durchblutungsstörung des Herzmuskels, die gefährliche Herzrhythmusstörungen auslösen kann. Timmermann untersucht, wie mechanische Pumpleistung und elektrische Aktivität des Herzens zusammenwirken: an der Schnittstelle von Physik, Biologie und Medizin. In Freiburg hat sie gefunden, was sie braucht: Autonomie und die Freiheit, neue Ideen zu entwickeln und Risiken einzugehen. Mentoring-Programme, Netzwerke und gezielte Förderungen ermöglichen unabhängiges Arbeiten. „Dabei wird mir zunehmend bewusst, wie wichtig es ist, unsere Arbeit verständlich zu vermitteln, um Unterstützung und Rückhalt zu gewinnen.“ Denn Wissenschaftsfreiheit entfaltet ihren Wert, wenn sie der Gesellschaft zugutekommt. Genau darin liegt für sie der Sinn ihrer Arbeit: Forschung als Verantwortung – und Herzensangelegenheit.
Viviane Timmermann forscht am Physikalischen Institut und am Institut für Molekulare Medizin und Zellforschung der Universität Freiburg. Die Mathematikerin arbeitet an datenbasierter Modellierung biologischer Systeme mit Fokus auf dem Herzen.