Interview
Was ist eine gute Frage?

Kinder und junge Menschen, ja selbst angehende Lehrkräfte wissen immer weniger über den Holocaust. Was diese Entwicklung mit der Demokratie macht, erklärt der Historiker Tobias Arand, Professor für Geschichte an der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg.

Sylvia Rizvi

Wie können wir Aktivitäten entgegenwirken, die das Vertrauen in echte Dokumente und historische Ereignisse untergraben?  

Solange die Politik nicht bereit ist, konsequent die Nutzung von Handys für Minderjährige zu regulieren, appelliere ich an Eltern und Bildungseinrichtungen, die Verwendung sozialer Medien kritisch zu begleiten. Eltern müssen mit gutem Beispiel vorangehen und selbst einen reflektierten Umgang mit digitalen Medien pflegen. Außerdem muss man auch in Konflikte gehen, über konsumierte Seiten diskutieren und ggf. den Konsum verbieten. In der Schule sollte die kritische Analyse von Geschichtscontent in den Medien im Geschichts- und Politikunterricht selbstverständlicher Bestandteil sein.

Welche Rolle kann die PH Ludwigsburg übernehmen?  

Wir bieten seit dem Wintersemester 2023/24 das Studienprofil „Antisemitismuskritische Bildungsarbeit“ an. Angehende Lehrer und Lehrerinnen können Kompetenzen im Umgang mit Antisemitismus, Kenntnisse zur Geschichte des Judentums sowie zur jüdischen Gegenwart erwerben. Damit sind wir Vorreiter in Baden-Württemberg.

Ihr Angebot hat eine besondere Vorgeschichte.  

In der Coronazeit wurden an der PH Plakate aufgehängt, die eine antisemitische Hetzkarikatur im Stil des nationalsozialistischen „Stürmers“ zeigten. Coronaleugner gerierten sich in Täter-Opfer-Umkehr als die Juden der Gegenwart und benutzten dafür ein antijüdisches Porträtbild. Die angebrachten Plakate hingen teils stundenlang. Viele Studierende hatten das Problem nicht erkannt. Das zeigte, dass auch angehende Lehrkräfte zu wenig Wissen über den Nationalsozialismus und den Genozid an der jüdischen Bevölkerung besitzen. Ich hielt einen hochschulöffentlichen Vortrag mit Basisfakten über den Holocaust. Die Aula war komplett gefüllt. Der Nachholbedarf wurde sehr deutlich – angesichts wachsenden Antisemitismus von rechts, links und von extremistischen Religionsfanatikern.

Was bedeutet fehlendes Wissen für die Demokratie?  

Sie wird anfällig für falsche Versprechungen und autoritäre Tendenzen, wenn die Menschen die Vergleichsgröße mit der Vergangenheit nicht mehr haben. Dass mittlerweile ein großer Teil der deutschen Wähler bereit ist, Parteien zu wählen, die unsere Demokratie zumindest in Teilen infrage stellen, hat auch mit Bildungslücken zu tun.

Wo sehen Sie die Ursachen?  

In der Schule hat das Fach Geschichte zu wenig Platz. Sehr oft wird es sogar fachfremd unterrichtet. Zudem sterben die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Holocaust. Infolge der historischen Distanz und mangelhafter Wissensvermittlung droht die Gefahr, dass der Holocaust zu einem historischen Ereignis unter vielen wird. Das begünstigt gefährliche Relativierungen, etwa im Zusammenhang mit der Israelkritik. Israels Politik kann man kritisieren, aber die Kritik sollte die Grenze zum Antisemitismus nicht überschreiten – etwa, indem man das Existenzrecht Israels bestreitet. Und Israels Gaza-Politik ist kein Genozid. Wer das behauptet, reproduziert antisemitische Stereotype.

Wie wirkt antisemitismuskritische Bildungsarbeit dem entgegen?  

Wissen ist unschlagbar. Ich glaube, niemand, der weiß, wie Antisemitismus funktioniert und wie der Nationalsozialismus im Dritten Reich versuchte, Millionen Menschen umzubringen, wird Antisemit oder Antidemokrat sein. Unser Ansatz ist, Wissen zu vermitteln und damit Bewusstsein zu schärfen. Wir wollen angehende Lehrkräfte selbstbewusst und kompetent machen, in Schule und Alltag damit umzugehen und zu handeln.  

 

Tobias Arand war einer der Experten beim Auftakt des Programms „Antisemitismuskritische Bildungsarbeit“ in Baden-Württemberg. Er forscht und lehrt an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg im Fach Geschichte zu Fachdidaktik, Geschichtskultur und zum 19. Jahrhundert. 

Wie lernen Kinder zu unterscheiden, was im Netz echt ist und was Fake? Eine Frage, die viele Perspektiven-Leser umtreibt. Antworten findet man in Finnland. Dort lernen schon Vorschulkinder, Desinformation zu erkennen und Fakten von Fiktion zu trennen. Seit 2014 wird Medienkompetenz in Schulen unterrichtet – fächerübergreifend. So lernt man etwa in Geschichte die Mechanismen hinter Propaganda kennen – und auch, welchen Quellen man vertrauen kann. In Mathe wird über die Funktionsweise der Algorithmen gesprochen.