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"Ich mag die Struktur hier"

In seiner Freizeit ist Timo gut beschäftigt

 

Timo H., 15, der Sohn

„Anfangs habe ich mich dagegen gewehrt, ins Waldhaus zu kommen. Aber in Karlsruhe und Umgebung gab es keine geeignete Schule mehr für mich; ich habe ja ein paar Dummheiten gemacht.

Im Juni 2012 haben meine Eltern mich hierhin gebracht. Ich hatte lange arges Heimweh und richtige Suizidgedanken. Früher habe ich das als Druckmittel verwendet. Ich wusste, wenn ich sage, dass ich mich umbringe, gehen überall die Alarmglocken an.
Alles war Neuland, die vielen anderen Kinder und die vier neuen Erwachsenen, mit denen ich zurechtkommen musste. In der ersten Zeit war ich eher zurückhaltend; später habe ich mich auch mal bei den Erziehern beschwert, etwa wenn einer immerzu komische Geräusche gemacht hat. Oder ich habe das Gleiche zurück gemacht, um ihm zu zeigen, wie blöd das für mich ist. Die Regeln haben mich anfangs auch genervt. Ganz anders als daheim.
Draußen kann man jemandem ein Schimpfwort sagen, das ist egal. Wenn man das hier tut, dann gibt es Striche. Von dem Moment an, wo eingeführt wurde, dass ein Strich 15 Minuten Zimmerarrest bedeutet, habe ich mit vielem komplett aufgehört. Ich habe seitdem so gut wie jede Woche keinen Strich.
In der Waldhausschule habe ich bei einem Workshop Bilder von Kindern vor komplett zerbombten Häusern gesehen. Da habe ich gedacht, wie gut es mir geht. Ich habe angefangen in der Unicef-AG mitzuarbeiten, da kann ich was bewirken. Mittlerweile halte ich vor 200 Leuten Vorträge über Kinderrechte, das wäre früher kaum vorstellbar gewesen.
Ich bin als Sprecher meiner Gruppe im Heimrat. Da bestimmen wir mit, was hier passiert. Im Stall arbeite ich auch viel mit. Ich werde gerade eingelernt und darf dann die Maschinen bedienen, wenn ich 16 bin. Motorsense, Mulcher und Rasenmäher. Vielleicht werde ich  Gärtner. Oder Fahrzeugbauer. Das weiß ich noch nicht so genau.
Was hier anders geworden ist? Ich habe Freunde, mit denen gehe ich in den Wald oder ins Dorf. Am meisten hat sich geändert, dass ich mich selber reflektieren kann und mich  in die Lage anderer versetzen kann. Meinen Eltern gegenüber bin ich respektvoller geworden. Ich nehme zwar noch Tabletten wegen ADHS, aber weniger. Ich mag die Struktur hier, und in der Schule bin ich viel besser geworden. Ich bleibe freiwillig ein Jahr länger, um meinen Hauptschulabschluss zu machen.“

 

"...und mein Sohn entgleitet mir immer mehr"

Sylvia H. (49), die Mutter

„Als Timo angefangen hat zu sprechen, haben mein Mann und ich das erste Mal gedacht, dass etwas nicht stimmt. Er hat Silben verschluckt, Buchstaben vertauscht, manche gar nicht gesprochen. Eigentlich habe nur ich ihn verstanden. Mit drei kam Timo in den Kindergarten, aber weil er mit den anderen Kindern nicht sprechen konnte, wurde er ausgegrenzt. Wir haben ihn dann wieder rausgenommen.

Als er älter wurde, war da immer mehr zerstörerisches Potenzial. Wenn er wütend war, hat er in null Komma nichts sein ganzes Zimmer verwüstet. Andere Kinder haben es nie lange bei uns ausgehalten, weil Timo immer bestimmen wollte, was sie tun. Haben sie sich nicht daran gehalten, hat er sie geschlagen.
Jeder Abend war ein Drama. Bis er eingeschlafen ist, ging es meist auf Mitternacht zu. Kein Ritual hat geholfen, er hat geweint, gejammert, wollte essen, trinken, spielen. 2005 habe ich eine Mutter-Kind-Kur gemacht, weil ich so mit den Nerven runter war. Da habe ich einen Vortrag über ADHS gehört – und Rotz und Wasser geheult. Da hatte jemand über meinen Jungen mit seiner ganzen Hyperaktivität gesprochen.
Wir haben immer wieder Unterstützung gesucht: Ärzte, das Jugendamt, einen Familienhelfer, der uns ein Jahr begleitet hat, Familientherapeutinnen. Trotzdem eskalierte die Situationen immer mehr. Timo hat andere Kinder so verprügelt, dass die Eltern die Polizei gerufen haben. Er hat nie Reue gezeigt, er hat einfach nicht sehen können, was für andere wichtig ist.
Mit acht Jahren war er für sieben Wochen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie; mit elf zum zweiten Mal. Ich weiß nicht mehr genau, wann Timo angefangen hat, von Selbstmord zu sprechen. Er hat schnell gemerkt, dass er mich damit unter Druck setzen kann. Wenn ihr mich in die Schule schickt, hänge ich mich auf … Irgendwann habe ich gesagt: Mach‘ doch. Ich war so verzweifelt; es gibt nichts Schlimmeres als zu erkennen: Ich pack’s nicht. Ich habe alles für ihn gemacht und mein Sohn entgleitet mir trotzdem immer mehr.
Heute weiß ich, dass meine eigene Kindheit eine Rolle gespielt hat. Ich wollte so vieles besser machen und war nicht sehr konsequent mit Timo. Und er kann ja auch so lieb sein und zärtlich und verschmust. Er war 13, da war klar, dass es daheim nicht mehr geht. Dass er eine andere Umgebung braucht, andere Förderung, eine ganz feste Struktur.
Mit seiner Krankheit können Menschen, die professionelle Distanz zu ihm haben, besser umgehen. Es war nicht leicht, ihn gehen zu lassen. Aber es war richtig.“

 

 

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