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Erst Fritz-Schubert, Erfinder des Glücksfachs.

Die Persönlichkeit stärken

Trotz aller Theorie und Erfolgsbeispiele, die Fritz-Schubert nur so herunterrattert, hat die Vermittlung von Glück in der Schule für ihn vor allem mit einem Aspekt zu tun: der Selbstbildung. „Das bedeutet, dass die Schüler lernen, ihre psychischen Bedürfnisse sinngeleitet zu befriedigen. Denn erst wenn sie ihre Stärken, Motive und Träume gefunden haben, können sie sich auf den Weg machen.“ Glück im Unterricht ist also im Wesentlichen identitätsstiftend und trägt dazu bei, den Charakter und die Persönlichkeit junger Menschen zu stärken. Im Curriculum des Schulfachs gibt es deshalb viele Übungen, die Selbstvertrauen, Empathie und die gegenseitige Wertschätzung fördern. Schülerinnen und Schüler sollen sich als wertvoll erleben und zu einer positiven Grundeinstellung kommen. „Wenn ich zu dem stehe, was ich fühle, was ich will und was ich tue, können Selbstvertrauen, Selbstkompetenz und Selbstwert wachsen“, sagt Fritz-Schubert. 

Der Leuchtturm am Neckar

Von seinem Heidelberger Arbeitszimmer sind es rund 30 Kilometer bis zur Theodor-Frey-Schule in Eberbach. An der gewerblichen und kaufmännischen Schule wird das Glücks-Fach seit 2011 unterrichtet, mittlerweile in fast allen Vollzeitklassen. Darauf ist Schulleiter Martin Staniczek besonders stolz. Und er sagt, dass seine Schule damit so etwas wie ein Leuchtturm sei, der über die Landesgrenzen hinaus strahlt. Eine Delegation aus Belgien war vor kurzem da, um sich zu informieren. Sogar aus Korea und Russland sind Experten nach Eberbach gekommen und auch die Moderatorin Anke Engelke hat die Schule besucht, als sie für eine Dokumentarreihe auf der Suche nach dem Glück war. 

Bei der Balanceübung auf den Stühlen wird das Vertrauen geübt.

Balanceakt auf Stühlen

Derzeit unterrichten fünf Lehrerinnen und Lehrer rund 300 Schülerinnen und Schüler im Fach Glück. Einer von ihnen ist Michael Leisinger. Der  Lehrer für Betriebswirtschaftslehre und Sport war Praktikant und Referendar an der Willy-Hellpach-Schule, wo Fritz-Schubert Rektor war. An diesem Vormittag haben elf Schülerinnen und Schüler, von denen fünf geistig beeinträchtigt sind, eine Doppelstunde Glück bei Leisinger. Der 36-Jährige ist so eine Art Kumpeltyp. Kurze Haare, Kapuzenpulli, Jeanshose, Sportschuhe. Er spricht ruhig, lächelt viel, wirkt entspannt. In einer von insgesamt drei Übungen, die der Studienrat in den kommenden anderthalb Stunden durchführt, geht es um das Thema Zusammenhalt. Die Klasse bildet mit sechs Stühlen einen Kreis. Alle stellen sich auf die Stühle und sollen nun von Stuhl zu Stuhl gehen, während Leisinger einen nach dem anderen wegnimmt. Wie also die Balance halten und nicht herunterfallen? Auf einem Stuhl stehen drei fest umschlungen, während ein anderer Schüler breitbeinig auf zwei Stühlen gleichzeitig Halt findet.

 "Das Gehirn ist auf niedrigster Stufe"

Jede Übung des Glücksunterrichts beginnt und endet mit einer Reflexionsrunde. Es geht vor allem darum, das Erlebte in Worte zu fassen. „Es hat sich gut angefühlt“, sagt Julian. „Man hat Menschen nicht stehen lassen, sondern ihnen geholfen über den Parcours zu gehen.“ Obwohl der 19-Jährige geistig beeinträchtigt ist, macht er nur selten schlechte Erfahrungen mit anderen. „Und wenn jemand nicht freundlich zu mir ist, ist das sein Bier.“ Im Verlauf der Gespräche wird deutlich, dass das Verständnis füreinander und die Toleranz seit Beginn des Schuljahres gewachsen sind. „Ich habe gemerkt, dass wir gleich sind, egal ob mit oder ohne Handicap“, sagt der 21-jährige Menan. Das findet auch Paul. Als Kind habe er bei der Geburt zwar zu wenig Luft bekommen, „aber eigentlich bin ich normal.“ Wer den 16-Jährigen fragt, was am Glücksunterricht so besonders ist, dann beschreibt er es so: „Man kann abschalten, hat keinen Stress, das Gehirn ist auf niedrigster Stufe und trotzdem aktiv.“
Glück hat nichts mit Zufall zu tun, es ist erlernbar. G-L-Ü-C-K, so Leisinger, das ist die Abkürzung für „Gelingendes Leben Üben Charakter Kräftigen“. Eine verkopfte Übersetzung, mit der seine Schülerinnen und Schüler nichts anfangen können. Leisinger umschreibt Glück deshalb lieber mit einem „Meer der Zufriedenheit“, zu dem auch das Wellental gehört. „Mal ist man oben, weil man eine Herausforderung gemeistert hat. Oder unten, weil man sich vielleicht gestritten hat. Nicht jede Krise ist eine Katastrophe. Zu wissen, dass man da wieder raus kommt – auch das ist eine Glück bringende Erfahrung.“


Nathalie Bopp malt zur Musik.

Achtsamkeitsheft und Glückstagebuch

Bei Martin Dittmers geht es nicht ganz so ruhig zu. Er ist wie Leisinger Glückslehrer an der Theodor-Frey-Schule, hat aber heute eine sehr lebendige Klasse. Rund 20 Jugendliche tummeln sich in Vierergruppen um die Klassentische. Ihre Aufgabe ist es, zu den Musikstücken, die Dittmers gleich spielen wird, zu malen. Vor allem bei den Jungs ist das Geraune groß, als sie erfahren, dass sie mit Fingern malen werden. Leiten lassen sollen sie sich bei ihren Kunstwerken vom Thema „Liebe“. Das ist einer von 13 Werten, auf die sich die Schülerinnen und Schüler geeinigt und in ihr „Achtsamkeitsheft“ eingetragen haben. Jeder Einzelne pickt sich wöchentlich einen Wert heraus und setzt ihn konkret um. Was sie dabei erleben, dokumentieren sie in dem Heft. Außer dem „Achtsamkeitsheft“ gibt es auch das „Glückstagebuch“. Darin beschreiben die Jugendlichen regelmäßig ihre Stunden und reflektieren das Erlebte: Welche Gefühle habe ich in der Übung bei mir festgestellt? Welche bei anderen? Und wie kann ich das, was ich gelernt habe, in den Alltag übertragen? Das Glückstagebuch ist Grundlage für die Note. Die Lehrer bewerten, ob die Schülerinnen oder Schüler die Protokolle regelmäßig geführt und sich aktiv am Unterricht beteiligt haben. Es geht ausdrücklich nicht darum, die beschriebenen Gefühle zu bewerten. Eine 6 vergibt Martin Dittmers nicht, aber eine 5, wenn er gar kein Glückstagebuch bekommt. Versetzungsrelevant ist die Note zwar nicht, aber eine 5 in Glück – wer will die schon?

no luck, no fun

Dittmers hat große Tuben mit Fingerfarbe besorgt, von denen die Schülerinnen und Schüler Portionen in Kaffeetassen abfüllen. Das erste Lied ist ein schnelles, jazziges Klavierstück. Rhapsody in Blue von George Gershwin. Die aufwühlende Melodie scheint sich unmittelbar auf die Klasse zu übertragen. Am Mädchentisch steckt Zeudi keinen einzelnen Finger in die Tasse, sondern gleich die ganze Hand. Die sie immer wieder mit großem Schwung über das Blatt schleudert, sodass Farbklekse und -streifen entstehen. Ein bisschen erinnern ihre Bilder an die drip-paintings von Jackson Pollock. Sorooban mag es gegenständlicher. Er malt ein Herz mit Gesicht, darunter schreibt er: no luck, no fun.
Es wird viel gelacht und die Stimmung ist irgendwann so ausgelassen, dass sich die Mädchen gegenseitig mit Farbe beschmieren. Dittmers nimmt das gelassen zur Kenntnis. Er hat es auf ein Experiment angelegt und will bewusst nicht den Dompteur spielen. „Das Glücks-Fach ist eine offene Form.“ In der anschließenden Reflexion wird das persönliche Erleben in der Stunde unterschiedlich beschrieben. Den meisten hat der Unterricht gefallen, anderen wiederum nicht. „Glück hat mir das Ganze nicht gebracht. Ich hoffe, Herr Dittmers ist jetzt nicht böse“, sagt Fabian. Nein, böse ist Dittmers natürlich nicht. Mit dem Feedback muss er leben, sagt er. Wie man Glück vermittelt und was der Einzelne daraus macht – das kann ganz verschieden sein.

Seinen Platz in der Welt finden

Fritz-Schubert mag runde Geschichten. Er mag es, wenn es einen Anfang gibt, einen Spannungsbogen und ein glückliches Ende. Ein bisschen so wie es bei ihm war. Und im Grunde ist viel Biografisches und jede Menge Selbstverarbeitung in seinen Beruf eingeflossen. Die vier Jahre, die er jetzt pensioniert ist, haben ihn beflügelt und ihn zu vielen, auch vollkommen überraschenden, Erkenntnissen geführt. Wie zu dieser: „Mir ist die Absurdität des Schulsystems bewusst geworden. Ich habe es 35 Jahre lang erlebt und vier Jahre gebraucht, um festzustellen: Dass Vieles, was in der Schule passiert, absoluter Quatsch ist!“. Quatsch, weil in Lehrerkonferenzen oft Formales diskutiert wird und persönliche Schicksale zu kurz kommen; Quatsch, weil es der Schulaufsichtsbehörde mehr um Kontrolle geht als um Vertrauen; Quatsch, weil viele Verantwortliche immer noch der Überzeugung sind, dass Lernen nur bitter schmecken muss. Wenn es nach Fritz-Schubert ginge, könnte er einen ganzen Nachmittag mit Quatsch-Einsichten bestreiten und von Absurditäten des Schulalltags berichten. Er kann sich die Systemkritik leisten, nicht nur, weil er draußen ist.  „Es ist eine unheimlich schöne Erfahrung, dass wir nie aufhören zu wachsen, auch wenn wir körperlich längst ausgewachsen sind.“ Fritz-Schubert ist davon überzeugt, dass Schule genau das leisten muss: Schülerinnen und Schüler in ihrem Verlangen zu unterstützen, sich weiterzuentwickeln und Selbstwirksamkeit zu erleben. „Damit sie sich die Welt erobern und einen Platz in ihr finden.“


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