18.04.2007

"Ich bin mir bewusst, dass ich viel Glück hatte" - Interview mit Christoph Ramöller

Christoph Ramöller aus Karlsruhe studiert an der Virginia Tech – und hätte zum Zeitpunkt des Amoklaufs eigentlich an der Uni sein sollen ...

INTERVIEW MIT CHRISTOPH RAMÖLLER
Fragen von Birgit Richter

Anmoderation:
Christoph Ramöller aus Karlsruhe ist ein Glückskind. Nur weil er am vergangenen Montag etwas zu spät dran war, hörte er von dem unfassbaren Amoklauf an der Virginia Tech nur aus dem Radio. Der 23-jährige wird den 16. April 2007 und das Massaker von Blacksburg in seinem ganzen Leben wohl nicht mehr vergessen. Christoph Ramöller studiert Wirtschaftsmathematik an der Universität Karlsruhe und ist derzeit als Austauschstudent im Programm Baden-Württemberg STIPENDIUM der Landesstiftung Baden-Württemberg in Blacksburg.

1. Christoph Ramöller, wie haben Sie von dem Massaker, das in ihrem Klassenzimmer stattfand, überhaupt erfahren?
Weil ich etwas spät dran war, hatte ich meine E-Mails noch nicht gelesen und habe auf dem weg zur Uni festgestellt, dass keine Busse fahren und mir wurde mitgeteilt, dass alle Vorlesungen abgesagt wurden. Aus dem Radio wusste ich, dass in einem Studentenwohnheim einer erschossen wurde. Von mehr wusste ich nicht. (0:22)

2. Was war das für ein Gefühl?
Es war ein sehr seltsames Gefühl. Ich war irgendwie ab vom Geschehen und doch mittendrin, weil ich meinen täglichen Arbeitsplatz auf CNN gesehen habe. Ich wusste von meinen Freunden, dass keiner von ihnen direkt betroffen ist, und in sofern waren es eben gemischte Gefühle. (0:16)

3. Wie hat ihre Familie zuhause in Deutschland reagiert, als sie von dem Massaker erfahren haben?
Ich war glücklich, dass ich schneller anrufen konnte als die Medien in Deutschland waren. In sofern haben sie von mir erfahren, dass es mir gut geht und was im Großen und Ganzen an der Virginia Tech los war. (0:12)

4. Sind Sie sich des Glücks bewusst, dass Ihnen nichts passiert ist?
Ich bin mir des Glücks sehr wohl bewusst, ja. Auch wenn ich keine Vorlesungen selber in Norris Hall habe. Es sind halt Plätze an der Uni, wo man auf dem Weg zu anderen Gebäuden oder auf dem Weg zur Mensa mal vorbei geht. Da bin ich mir schon des Glücks bewusst, dass ich an dem Tag nicht auf dem Campus war, auch wenn für mich wahrscheinlich keine direkte Gefahr bestanden hätte. (0:22)

5. Was machen Sie jetzt, bleiben Sie?
Ich werde dort bleiben. Ich werde sogar meinen Aufenthalt verlängern, das habe ich allerdings schon vor einiger Zeit beschlossen, um eben hier meinen Abschluss vollständig zu machen (0:13)

6. Wie geht es ihnen heute, fühlen sie sich in Blacksburg noch sicher?
Ich weiß nicht, ich bin vielleicht ein sehr rationaler Mensch, aber ich finde, dass das etwas dermaßen Außergewöhnliches ist, das hätte eigentlich überall passieren können. (0:09)

7. Am Tag nach dem Amoklauf waren sie bei einer Trauerfeier für die Opfer dabei. Sie haben gemeinsam mit tausenden Kommilitonen im Stadion der Universität der Opfer gedacht. Wie würden sie die Stimmung beschreiben?
Die Stimmung war bedrückt, aber ich würde sie nicht als furchtbar depressiv bezeichnen. Allerdings am Ende, als die Professorin des Englisch-Departments gesprochen hat und wieder Hoffnung aufkommen ließ waren die "Let’s go Hokies"-Rufe im Football-Stadion um einiges lauter als in der Halle. Und man hatte die Gelegenheit, alles was einen belastete herauszuschreien. (0:20)

8. An der Virginia Tech studieren über 25.000 Studenten, so viele Einwohner hat eine Deutsche Kleinstadt. Wie muss man sich das Uni-Gelände vorstellen?
Die zentrale Fläche ist das Drill-Field, die so groß ist, dass da mindestens vier, fünf Fußballfelder reinpassen. Die Unterrichtsgebäude sind um dieses Feld herum verteilt. Für die Undergratuade-Students sind auch Studentenwohnheime auf dem Campus – das hat riesige Ausmaße. (0’17)

9. Nach dem Massaker wurde Kritik laut, dass die Verantwortlichen das Uni Gelände nicht rechtzeitig abgesperrt hätten. Glauben Sie die Uni hätte früher reagieren müssen?
Ich weiß nicht, ob das was bringt. Und dann hätte man das Problem, dass die entsprechenden Leute, inklusive dieses südkoreanischen Attentäters in einem der Wohnheime sind. Also ich glaube nicht, dass die Situation dann besser gewesen wäre. (0’11)

10. Ist jetzt auf dem Gelände schon wieder so etwas wie Normalität eingetreten, gehen die Vorlesungen weiter?
Ich würde nicht sagen, dass die Stimmung "Normalität" ist. Die Vorlesungen sind bis einschließlich Ende der Woche abgesagt worden, was ich für eine sehr gute Entscheidung halte. Ich werde auf das Gelände gehen und mich dort mit anderen Studenten austauschen. (0’16)

Christoph Ramöller studiert Wirtschaftsmathematik an der Uni Karlsruhe. Seit September ist er im Rahmen des Baden-Württemberg STIPENDIUMs der Landesstiftung Baden-Württemberg an der Virginia Tech in Blacksburg eingeschrieben. Noch bis zum 31. Mai ist er dort im Rahmen des Austauschprogramms.

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