28.01.2009

Lehrkräfte sollen Vertrauenspersonen für Schüler werden

Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein Brennpunktthema in Deutschland. In unzähligen Haushalten müssen Kinder physische und psychische Konfliktsituationen in Partnerschaften oder Ehen ungeschützt miterleben. Dies veranlasste die Landesstiftung Baden-Württemberg 2006, das Aktionsprogramm "Gegen Gewalt an Kindern – Gemeinsam für mehr Kinderschutz bei häuslicher Gewalt" auf den Weg zu bringen. Jetzt liegen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung vor ...

Bild 1: Ab dem frühen Vormittag registrierten sich die Teilnehmer am Stand der Landesstiftung Baden-Württemberg im Stuttgarter Haus der Wirtschaft zum Fachtag "Gemeinsam für mehr Kinderschutz bei häuslicher Gewalt".

Bild 2: Rund ein halbes Dutzend Projektträger, die im Auftrag der Landesstiftung an neun Standorten in ganz Baden-Württemberg Aufklärungsarbeit zum Thema häusliche Gewalt für Schüler der Klassen eins bis sieben geleistet hatten, präsentierten sich am Rande des Fachtags den interessierten Anwesenden.

Bild 3: Gerd Weimer (rechts), Vorstandsvorsitzender des Paritätischen Baden-Württemberg, im Gespräch mit Herbert Moser, dem Geschäftsführer der Landesstiftung Baden-Württemberg.

Bild 4: Baden-Württembergs Arbeits- und Sozialministerin Dr. Monika Stolz (links) und Katrin Altpeter, Vize-Fraktionschefin der SPD im baden-württembergischen Landtag, bei der Eröffnung des Fachtags.

Bild 5: Dr. Corinna Seith von der Pädagogischen Hochschule Zürich bei der Präsentation der wissenschaftlichen Evaluation, die sie programmbegleitend mit Prof. Dr. Barbara Kavemann (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin) und Katrin Lehmann (Hochschule Esslingen) durchgeführt hatte.

Bild 6: Prof. Dr. Barbara Kavemann (links) und Dr. Corinna Seith vor dem Stand eines Projektträgers.

Häusliche Gewalt ist in erster Linie gegen Beziehungspartner gerichtet. In der Regel werden auch Kinder Teil des Konflikts zwischen den Erwachsenen. Die Landesstiftung Baden-Württemberg hat sich des Problems angenommen und initiierte bereits 2004 ein Programm zur Entwicklung von Unterstützungsangeboten für Kinder, die Zeugen und Opfer häuslicher Gewalt geworden waren. Diesem Programm folgte dann das Aktionsprogramm "Gegen Gewalt an Kindern – Gemeinsam für mehr Kinderschutz bei häuslicher Gewalt", das im präventiven Bereich Schwerpunkte setzte.

Zwischen 2007 und 2008 leisteten elf Projektträger in insgesamt neun Kommunen in ganz Baden-Württemberg präventive Aufklärungsarbeit zum Thema häusliche Gewalt. Mädchen und Jungen der Klassen eins bis sieben wurden systematisch über häusliche Gewalt informiert. Gleichzeitig wurden Wege aufgezeigt, um den Betroffenen den Zugang zu Hilfe und Unterstützung zu erleichtern. Rund 1.250 Grund- und Hauptschüler profitierten von dem Aktionsprogramm. Die Erkenntnisse, die ein dreiköpfiges Team von Wissenschaftlerinnen aus der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin, der Pädagogischen Hochschule Zürich und der Hochschule Esslingen im Laufe ihrer wissenschaftlichen Begleitung des Programms gewann, wurden am 28. Januar 2009 in Stuttgart vorgestellt.

Ziel des Aktionsprogramms war es, den Betroffenen Wege zu Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband, Landesverband Baden-Württemberg war von der Landesstiftung mit der praktischen Durchführung des Programms betraut worden.

"Unter häuslicher Gewalt verstehen wir nicht nur körperliche Übergriffe gegen den Beziehungspartner, sondern auch die damit verbundenen seelische Verletzung der Kinder. Sie geraten immer wieder unverschuldet zwischen die Fronten. Die Narben dieser Verletzungen tragen die Kinder oft ein Leben lang mit sich herum", sagte Herbert Moser, Geschäftsführer der Landesstiftung Baden-Württemberg, bei der Vorstellung der Evaluationsergebnisse. Auch mit diesem Präventionsprogramm ist die Landesstiftung einmal mehr ihrem Auftrag gerecht geworden, den Weg für ein kinder- und familienfreundliches Baden-Württemberg zu bereiten.

"Das Miterleben von häuslicher Gewalt stellt für die betroffenen Kinder eine erhebliche Belastung dar", sagte Arbeits- und Sozialministerin Dr. Monika Stolz. "Sie benötigen dringend unsere Hilfe." Für die Landespolitik hat der Schutz von Kindern einen hohen Stellenwert. In Baden-Württemberg bestehen bereits "tragfähige Strukturen und Mechanismen für einen wirksamen Kinderschutz. Diese sollen weiter entwickelt und verbessert werden." Als Beispiel nannte sie das im September vergangenen Jahres eingeführte Programm STÄRKE, das mit seiner zweiten Säule ebenfalls ein Hilfsangebot für von Gewalt betroffene Familien darstellt.

"Für die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung, für den Schulerfolg und damit die Lebensperspektiven von Kindern ist es von großer Bedeutung, dass sie in einer gewalt- und angstfreien familiären Atmosphäre aufwachsen können", erklärt Gerd Weimer, Vorstandsvorsitzender des Paritätischen Baden-Württemberg. "Um Kindern bei häuslicher Gewalt den Weg zu Hilfe und Unterstützung zu erleichtern, benötigen wir gute Vernetzungsstrukturen zwischen Schule, Jugendhilfe und freien Trägern. Es braucht Präventionsangebote, die Kinder direkt ansprechen, sie über ihr Recht auf Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt aufklären und ihnen Möglichkeiten und Zugänge zu Hilfen aufzeigen", so Weimer. Mit dem Projekt "Gemeinsam für mehr Kinderschutz bei häuslicher Gewalt" und seinem Vorgängerprojekt "Kinder als Opfer und Zeugen häuslicher Gewalt" sei ein wichtiger Schritt in diese Richtung getan worden.

Auch Prof. Dr. Barbara Kavemann von der Berliner Katholischen Hochschule für Sozialwesen, die dem Evaluationsteam des Programms angehörte, sieht einen großen Vernetzungsbedarf bei den verantwortlichen Behörden. "Das Interesse der Schulen an Präventionsangeboten bei Gewalt in Elternbeziehungen war sehr erfreulich. Dass es einfacher als gedacht ist, dieses als schwierig empfundene Thema mit den Mädchen und Jungen zu besprechen, zeigt sich darin, dass die Kinder das Thema kannten und langwierige Hinführungen nicht notwendig waren. Viele nutzten die Projekttage, um eigene Betroffenheit mitzuteilen, deshalb muss die Schule eng mit der Jugendhilfe und den Fachstellen kooperieren."

Wie die Forschergruppe in ihrem Abschlussbericht feststellt, zeigen die Auswertung der Vorher- und Nachher-Befragungen einen erheblichen Lernzuwachs bei den Schülerinnen und Schülern. "Dies ist eine Bestätigung dafür, dass Schule ein geeigneter Rahmen für diese Präventionsarbeit ist", heißt es im Abschlussbericht des Forscherteams. Erfreulich sei auch, dass nach Abschluss der Projekte die große Mehrheit der Mädchen und Jungen sagen könnten, an wen sie sich in einer Situation häuslicher Gewalt wenden würden. "Überwiegend würden sie Personen ihrer Familie und ihres näheren sozialen Bezugsrahmens ansprechen. Institutionen wie Polizei, Jugendamt oder Schulsozialarbeit sind aber in der Rangfolge der möglichen Ansprechpartner gestiegen."

Das Forscherteam empfiehlt, Lehrkräfte im Rahmen der Aus- und Weiterbildung so zu qualifizieren, "dass sie für Schülerinnen und Schüler Vertrauenspersonen sein können. Der Befund, dass ein Teil der Mädchen und Jungen im familiären und sozialen Umfeld keine Ansprechperson hat, unterstreicht ganz besonders die Bedeutung von Lehrpersonen als Brücke zu Hilfe und Unterstützung, die im Projektverlauf immer deutlicher wurde."

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